Fr, 14.12.2018
Der Journalist Rolf Zick im Interview

Zu Besuch bei einem ganz besonderen Zeitzeugen

Auf das Gespräch mit unserem Zeitzeugen Rolf Zick hatten meine Kollegin Ewa Kruppa und ich uns ganz besonders gefreut. Nach seiner Entlassung aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft kam er 1948 über Friedland, später berichtete er als Journalist über die Ankunft entlassener Wehrmachtssoldaten im Lager.

Der gebürtige Dransfelder ist ein sehr angenehmer und zuvorkommender Mensch. Trotz seiner 97 Jahre ließ er es sich nicht nehmen, uns am Bahnhof Lehrte abzuholen. Wir würden ihn schon an seiner Schiffermütze und seinem weißen Bart erkennen, meinte er vorab am Telefon. Außerdem fahre er einen roten BMW, der demnächst offiziell zum Oldtimer werde. Auf den ersten Blick wirkte das Auto gar nicht so alt, aber das Kassettengerät in der Konsole war dann doch ein eindeutiges Indiz für ein etwas älteres Baujahr.

Mit seinen 97 Jahren ist Rolf Zick nicht nur unser ältester Zeitzeuge. Er ist auch ein journalistisches Urgestein – 1949 begann er als Lokalreporter im Göttinger Landkreis, ehe er als landespolitischer Korrespondent nach Hannover ging. Dort wurde er Mitglied und später 20 Jahre lang Vorsitzender der 1947 als erste im Nachkriegsdeutschland gegründeten Landespressekonferenz Niedersachsen, die 1949 auch zum Modell für die Bundespressekonferenz wurde. Rolf Zick hat alle bisherigen niedersächsischen Ministerpräsidenten von Hinrich Wilhelm-Kopf bis Stephan Weil persönlich kennengelernt und interviewt.

Es war auch seine journalistische Tätigkeit, die diesmal Anlass für das Zeitzeugengespräch mit Rolf Zick war. Entstanden war die Idee durch ein Gespräch, das wir vor einigen Wochen mit Christian Paul geführt hatten. Dessen Vater, der Fotojournalist Fritz Paul, hatte im Lager Friedland mit Rolf Zick zusammengearbeitet. Von ihm wollten wir wissen, was für ein Mensch Fritz Paul war. Beide verstanden sich offenbar sehr gut, hatten eine ähnliche Vorstellung von ihrer Arbeit. Sie seien an den Menschen im Grenzdurchgangslager interessiert gewesen, sagt Rolf Zick, nicht wie manch ein Vertreter der „Journaille“, die sich auch manchmal im Grenzdurchgangslager zeigte, an prominenten Persönlichkeiten oder deren sensationellen Geschichten.

Was beide miteinander verband, war der persönliche Bezug zum Lager. Fritz Paul, dessen Familie aus Ostpreußen vertrieben worden war, fertigte als junger Fotoassistent nach dem Krieg Reproduktionen von Pässen und Ausweispapieren der Flüchtlinge und Vertriebenen in Friedland an. Innerhalb kurzer Zeit wurde er zum gefragten Bildjournalisten. In der Zeit lernte er den Zeitungsreporter Rolf Zick kennen. Beide berichteten regelmäßig über die ehemaligen deutschen Wehrmachtssoldaten, die in den 1950er Jahren über Friedland aus der Kriegs-gefangenschaft in der Sowjetunion freikamen. Rolf Zick sagt: „Wir konnten uns beide gut in die Heimkehrer hineinversetzen, ich, weil ich selbst mal einer war, Fritz Paul, weil er selbst nur knapp als junger Soldat der Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion entronnen ist.“

Im Gespräch an die entlassenen Soldaten heranzukommen, sei häufig schwierig gewesen, berichtet Rolf Zick. Viele seien durch ihre Erfahrungen im Krieg und in der Gefangenschaft traumatisiert gewesen. Da habe es geholfen, wenn er ihnen sagte, dass er dasselbe Schicksal erlebt habe: Das Ankommen in Friedland, die Bürokratie, die Fragen, was man im Krieg gemacht habe, wie man auch durch gültige Papiere nach langer Zeit in der Gefangenschaft allmählich wieder zum Menschen wurde. Bei den Begegnungen mit den gerade Angekommenen sei es durchaus hilfreich gewesen, wenn seine Frau ihn begleitete. Dann hätten sich die Männer eher geöffnet, berichtet der 97-Jährige.

Als junger Flakoffizier hatte Rolf Zick selbst schwere Traumata erlitten. Erinnerungen an die Zerstörungen, die Trümmer und Toten nach den Luftangriffen auf Hannover und Wien sowie im Erdkampf an der Front lassen ihn noch heute nicht los. Wie durch ein Wunder, wie er selbst sagt, hat er auch die sowjetische Kriegsgefangenschaft als einziger in seiner Brigade überlebt. Da er an medizinischen Experimenten teilnahm, die er glücklicherweise überlebte, wurde er vorzeitig entlassen und kam über Friedland nach Hause.

Erst im Alter sei ihm bewusst geworden, sagt Rolf Zick, wie er selbst diese Traumata an seine Nachkommen weitergegeben habe. Das ist sicherlich auch ein Grund, weshalb er noch heute an Schulen geht, um den Jugendlichen über seine Erfahrungen zu berichten. „Nie wieder Krieg“, ist seine Mahnung an die junge Generation.

Mit seinem Engagement, seinem wachen Geist und seiner ungeheuren Energie hat Rolf Zick uns tief beeindruckt.

Eva Völker

 

 

Mi, 19.12.2018 Mo, 03.12.2018