Fr, 05.10.2018
Erna und Gerd Strohschein nach dem Interview

Zwei ehemalige Zivilverschleppte erzählen

Spannend, auf welchen Wegen manchmal Kontakte zu Zeitzeug*innen zustande kommen. Zuletzt war es eine Begegnung auf der Tourismusmesse ITB im Frühjahr in Berlin. Meine Kollegin Edith Kowalski betreute dort unseren Museumsstand, als eine junge Frau sie ansprach: Stefanie Wolter, Historikerin mit dem Schwerpunkt Flucht, Vertreibung, Vertriebenenintegration in der Bundesrepublik.

Die beiden kamen schnell ins Gespräch: Ein Motiv für Stefanie Wolters historisches Interesse liegt in ihrer eigenen Familiengeschichte: Ihre Großeltern waren beide in den 1950er Jahren aus der UdSSR über Friedland in die Bundesrepublik eingereist, ihr Großvater 1955 und ihre Großmutter mit ihrer Familie 1957. Beide lebten als Zivilverschleppte ab 1945 in einem Arbeitslager in Karaganda, im heutigen Kasachstan, und durften erst nach Adenauers Moskaureise 1955 ausreisen.

Eine wertvolle Geschichte für uns, da wir bislang nicht viele Biografien Zivilverschleppter in unserer Sammlung haben. Umso mehr freuten wir uns, als Stefanie Wolters Großeltern Erna und Gerhard Strohschein einem Zeitzeugeninterview zustimmten. Neulich war es dann so weit:

Meine Kollegin Ewa Kruppa und ich besuchten die Strohscheins im Haus ihrer Tochter, auch ihre Enkelin Stefanie Wolter war gekommen. Erna und Gerhard Strohschein saßen nebeneinander auf der Couch, bereit fürs Interview. Das Gespräch kam schnell in Gang: Erna Strohschein, geborene Tschritter, 1937 in Bessarabien geboren, wurde mit ihrer Familie 1941 von den Nazis in Westpreußen angesiedelt. Kurz vor Kriegsende flohen sie vor der heranrückenden sowjetischen Armee Richtung Westen, wurden jedoch von sowjetischen Truppen aufgegriffen und ins 4500 Kilometer östlich gelegene Karaganda verschleppt.

Ein ähnliches Schicksal ereilte Gerhard Strohschein. Er wurde 1936 in Wolhynien in der heutigen Ukraine geboren. Auch er wurde von den Nationalsozialisten mit seiner Familie umgesiedelt - in den damaligen Warthegau. Als seine Familie im März 1945 nach Westen fliehen wollte, wurden sie ebenfalls von der sowjetischen Front überrollt, festgenommen und nach Karaganda gebracht.

In dem Lager, das zum sowjetischen Gulag gehörte, lernten die Mütter der beiden einander kennen, da sie in einer Mühle arbeiteten. In Karaganda hätten sie zwar nur das Nötigste gehabt zum Leben, der einzige Besitz war ein Fahrrad, doch sei es durchaus erträglich gewesen. Mit den übrigen Bewohner*innen, die aus Asien und anderen Regionen nach Karaganda verschleppt worden waren, hätten sie friedlich zusammengelebt. Gerhard und Erna gingen zur Schule, ihre Familien mussten sich regelmäßig auf der Kommandantur melden. Engeren Kontakt hatten Erna und Gerhard zu dieser Zeit jedoch nicht zueinander.

1955 bekam Gerhard Strohschein die Genehmigung, in die DDR ausreisen zu dürfen. Es gab eine Tante in Eisenach, die ihm jedoch riet, weiterzufahren in den Westen. „Wir waren einfach hartnäckig und sagten den DDR-Behörden, wir wollten auf keinen Fall bleiben, sondern weiter nach Westdeutschland“, erzählt Gerhard Strohschein. Was West- und Ostdeutschland im einzelnen bedeutete, davon hatte der junge Mann keine Ahnung, verließ sich einfach auf den Rat der Tante. Heute staunt er, dass die Rechnung aufging: Gerhard Strohschein durfte weiterreisen, kam an Heiligabend 1955 in Friedland an.

Nach seiner Ankunft machte er einen Luftsprung, erinnert sich der heute 82-Jährige. „Es war einfach das Gefühl von Freiheit, plötzlich irgendwohin gehen zu können, ohne sich abmelden zu müssen“. Ähnliches erzählt Erna Strohschein, die 1957 Friedland erreichte: „Wir wurden gut aufgenommen damals, in der Kleiderkammer erhielten wir neue Sachen“. Darunter war ein ausgestellter gestreifter Mantel, der Erna Strohschein noch in lebhafter Erinnerung ist: Im Lager war sie stolz auf das Stück, weil sie so etwas nie zuvor gesehen hatte. Doch als sie Friedland verließ, um mit dem Zug zu ihrem Onkel nach Buchholz bei Hamburg zu fahren, kamen ihr angesichts der Blicke ihrer Mitreisenden erste Zweifel. Vor allem im Nachhinein schämte sie sich, da der Mantel doch sehr auffällig war. Überhaupt sei sie in der Anfangszeit ständig bemüht gewesen, nichts falsch zu machen. An das neue Leben musste sie sich erst einmal gewöhnen.

Fr, 05.10.2018

Ende der 1950er Jahre nahm Gerhard Strohschein Kontakt zu Erna auf. Bald wurden sie ein Paar, heirateten 1960 und bekamen zwei Kinder. Er fand Arbeit als Galvaniseur bei einem Autokonzern, sie als Bandarbeiterin bei einem Reifenhersteller. Sie bauten zwei Häuser, fanden sich gut in ihrem neuen Leben ein.

Gerhard Strohschein bedauert lediglich, dass er nur vier Jahre hatte zur Schule gehen dürfen. Statt in der Fabrik zu arbeiten, hätte er gerne einen naturwissenschaftlichen Beruf erlernt.
Doch Gerhard und Erna wirken sehr zufrieden, wie sie so nebeneinander auf der Couch sitzen. Mit Blick auf die Menschen, die heute über Friedland kommen, sagen sie, die hätten es viel schwerer heute als sie damals.

Eva Völker

Mi, 24.10.2018 Do, 13.09.2018