Mi, 24.10.2018
Steffen Mensching beim Signieren

"Schermanns Augen"

„Ein erstaunliches erzählerisches Bergwerk, ein modernes Epos" schreibt die Süddeutsche Zeitung über den Roman „Schermanns Augen“ von Steffen Mensching, den das Museum Friedland im Rahmen des Göttinger Literaturherbstes neulich dem Publikum präsentierte. Die beiden Protagonisten - ein berühmter Graphologe aus Wien und ein junger Kommunist aus Berlin – verschlägt es 1940 in ein sowjetisches Straflager. Eben noch war Rafael Schermann, den es wirklich gegeben hat, prominenter Gast in der Wiener-Kaffeehausszene, bekannt mit Größen wie Alfred Döblin, Oskar Kokoschka, Else Lasker. Und jetzt findet er sich am anderen Ende der Welt im sowjetischen Lager Artek wieder und kämpft unter brutalsten Bedingungen ums Überleben. Eva Völker hat sich vor der Lesung mit Steffen Mensching unterhalten, der nicht nur Buchautor ist, sondern auch Intendant am Thüringer Landestheater Rudolstadt:

Eva Völker: Hinter ihrem Buch, das von realen Personen wie dem Graphologen Rafael Schermann aber auch fiktiven Figuren handelt, steckt eine enorme Recherchearbeit. Gut zehn Jahre haben sie an dem Roman geschrieben. Was hat Sie über einen so langen Zeitraum motiviert?
Steffen Mensching: Da spielte eine sehr gute Freundin von mir eine Rolle, Lily Hall 1919 in Wien geboren, die habe ich vor 20 Jahren in New York kennengelernt, da war sie schon über 80. Irgendwann erzählte ich ihr, dass ich zu diesem Raphael Schermann recherchiere. Da platzte es aus ihr heraus, dass dieser Graphologe ihre eigene Kinderhandschrift 1925/26 in Wien analysiert hat, weil ihre Mutter, unsicher, was sie für ein Kind auf die Welt gebracht hat, sich an den Graphologen gewandt hatte in der Hoffnung, dass der ihr erzählen könne, was aus dem Kind vielleicht werden könnte. Eine solche persönliche Brücke ist für so einen historischen Stoff ja nicht unbedingt abträglich. Dass man also nicht nur forscht, sondern, dass man auch eine persönliche Beziehung hat, das war mir ganz wichtig. Lilly verdanke ich, dass ich den Roman zu Ende geschrieben habe, ihr ist er auch gewidmet.

EV: Mehr als zehn Jahre haben Sie an dem Roman recherchiert. Hat das etwas von Detektivarbeit?
SM: Tatsächlich ist es eine Mischung aus kriminologischer und archäologischer Arbeit. Eine interessante Episode war, dass ich relativ früh durch Schriften, die Schermann hinterlassen hat, erfuhr, dass er 1923 nach Amerika fährt. Ich kannte das Datum, wann er in New York angekommen war. Über die Ellis-Island-Akten, habe ich rausgekriegt, mit welchem Dampfer er gefahren war. Da gab es auch die Passagierlisten, die habe ich mir auch angeschaut, auch die der zweiten Klasse, Schermann reiste natürlich First Class. Da tauchte das Moskauer Künstlertheater auf unter Leitung von einem gewissen Alexejew, das ist der bürgerliche Name für Stanislawski, darunter ist er als Regisseur berühmt geworden. Das war so ein Fall einer Recherche, die für den Roman wichtig wurde, weil sie eine ganz andere Episode reingebracht hat. Nämlich die Kenntnis dieser russischen Theaterkünstler, die im sowjetischen Alltag in den 30er Jahre eine wichtige Rolle spielten.

EV: Sie selbst machen ja ebenfalls seit vielen Jahren Theater. Inwieweit beeinflusst die Theaterarbeit die Art und Weise, wie Sie schreiben?
SM: Wenn man vom Theater kommt, ist die Sprache in erster Linie gestisch, d. h. man hat eher eine Affinität zum Dialog, zum Gesprochenen. Die innere Psychologie der Figuren ist vielleicht nicht so relevant bei anderen Autoren, sondern man versucht eher durch die Art und Weise, wie gesprochen wird, was gesagt wird, die Person zu charakterisieren. Dadurch hat dieser Roman vielleicht auch eine recht hohe Geschwindigkeit im Wechsel der Szenen. Auch in der Art und Weise, wie bestimmte Figuren sprechen. Das war mir ganz wichtig, dass der junge Kommunist aus Deutschland eine andere Art zu reden hat als der Graphologe, der ein bürgerliches Leben geführt hat, als die politischen Häftlinge, die Kommandanten, die kriminellen Verbrecher, die sich sehr roh ausdrücken. D. h. diese Ausdrucksmöglichkeiten kommen sehr vom Theater.

EV: Was ist es, was Sie speziell an der Person Rafael Schermanns, des hellseherischen Graphologen, fasziniert?
SM: Ich bin eher materialistisch überzeugt - mit einem Wunderglauben, einem Glauben an hellseherische Fähigkeiten kann ich nichts anfangen. Aber es gibt eine Art von Beobachtungsgabe, also phänomenologische Sehweisen, dass man überhaupt Dinge noch bemerkt, wie jemand läuft, wie sich die Leute bewegen, wie sie sich geben, dass man aus diesen Beobachtungen Rückschlüsse zieht. Das war ja das eigentliche Potenzial, was dieser Schermann hatte. Er konnte nicht in die Zukunft sehen, das kann meiner Meinung nach niemand. Aber er konnte aus der Schrift bestimmte Charaktereigenschaften ablesen. Und er konnte auch aus den Reaktionen der Menschen, wenn er über diese Schriften gesprochen hat, genau ablesen, ob er da auf der richtigen Fährte war, oder ob er in die Irre lief. Und diese Kunst, andere Menschen zu beobachten, zu registrieren, wie der andere ist, das hat ja auch mit Empathie zu tun, dass man sich überhaupt auf jemand anderen einlässt, dass man ihn anguckt. Das sind heutzutage Dinge, die verkümmern, weil die Leute so mit sich selbst beschäftigt sind, weil sie die Außenwahrnehmung nicht mehr haben. Sie hören nicht, weil sie die Kopfhörer auf den Ohren haben, sie sehen nicht, weil sie mit irgendwelchen Bildschirmen beschäftigt sind. Und das sind nur äußere Ausdrücke einer inneren Befindlichkeit des Individuums im 21. Jahrhundert. Insofern ist dieses Buch, was solche Fähigkeiten beschreibt, vielleicht der Versuch, bestimmte Sensibilitäten sich in Erinnerung zu rufen und zu bewahren. Das sind wichtige Fähigkeiten des Menschen, die verkümmern, weil man anderen Möglichkeiten nachläuft.

EV: Das ist ein Grund, weshalb der 820 Seiten-Roman, den man nicht blitzschnell so nebenbei konsumieren kann, durchaus aktuell ist. Außerdem ist das Buch auch in politischer Hinsicht aktuell...
SM: Die Situation, in der sich beide Häftlinge, Rafael Schermann und Otto Haferkorn, treffen, spielt im Jahr 1940 bis in den Sommer 1941. Über all dem hängt der Schatten des Jahres 1939, ein extremes Jahr mit vielen Turbulenzen, die in kürzester Zeit in Europa stattgefunden haben. Der Anschluss Sudetendeutschlands, die Besetzung Wiens, der Angriff auf Polen, verschiedene Nichtangriffspakte, der Versuch, dieses europäische Gleichgewicht zu bewahren, gleichzeitig das Anschwellen von Nationalismen in allen europäischen Staaten. All das erinnert uns an die jetzige Zeit. Die Glückssträhne nach dem Krieg, die glückliche Situation eines geeinten und friedlichen Europas, diese wunderbaren Entwicklungen werden derzeit alle wieder in Frage gestellt durch nationalistische und z. T. völkische Tendenzen.

Schermanns Augen, Wallstein Verlag, Göttingen 2018, 820 Seiten, € 28,00

Fr, 02.11.2018 Fr, 05.10.2018