Mo, 03.12.2018
Flüchtlingsschiff "Hai Hong", Foto: Folker Flasse

Aufnahme der ersten "Boat People" vor 40 Jahren

Vor 40 Jahren beschloss der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht, 1000 Boat People aus Vietnam aufzunehmen. Am 3. Dezember 1978 trafen die ersten 163 Bootsflüchtlinge aus Südostasien in Friedland ein. Sie waren an Bord der „Hai Hong“ gewesen, eines mit 2500 Menschen hoffnungslos überfüllten schrottreifen Frachtschiffs, das wochenlang ohne Versorgung im südchinesischen Meer unterwegs war - Malaysia verweigerte die Anlandung.

Aufgrund ihrer Verantwortung als ehemalige kriegsführende Nation leisteten die USA, aber auch Kanada und Frankreich schon seit Mitte der 1970er Jahre Flüchtlingshilfe. Die Bundesrepublik war lange Zeit deutlich verhaltener, bis Albrecht reagierte. Die perfekt organisierte Rettungsaktion wurde medienwirksam begleitet: Der damalige niedersächsische Innenminister Wilfried Hasselmann flog zusammen mit 19 Journalisten nach Asien. Die Berichterstattung blieb in der Vorweihnachtszeit nicht ohne Wirkung: Die deutsche Öffentlichkeit nahm großen Anteil an dem Schicksal der Geretteten und brachte den Vietnames*innen nach ihrer Ankunft in Deutschland viel Sympathie entgegen. Die Welle der Solidarität ging quer durch die Gesellschaft und alle politischen Parteien.

Die Aufnahme der Vietnames*innen bedeutete eine Zäsur in der bundesdeutschen Flüchtlingspolitik. Erstmals wurden nichteuropäische Flüchtlinge aktiv ins Land geholt. Um den insgesamt knapp 40.000 Menschen aus Südostasien langwierige Asylverfahren zu ersparen, wurden sie als „humanitären Flüchtlinge“ anerkannt, eine Kategorie, die aus diesem Anlass neu geschaffen wurde. Diese Fakten und viele Bilder von der Rettung der Menschen von der „Hai Hong“ über ihre Ankunft am Flughafen Hannover bis zu ihrer Aufnahme in Friedland sind in unserer Dauerausstellung dokumentiert.

Dem 40. Jahrestag widmeten wir im Vorfeld zwei Veranstaltungen: Einen Abend mit den Filmemachern Dieu Hao Do, einem Vertreter der zweiten Generation der Boat People in Deutschland, und Marcel Neudeck, Sohn des Mitbegründers der Rettungsorganisation Cap Anamur Rupert Neudeck. Dabei wurde mit Blick auf die Flüchtlingsboote im Mittelmeer die Aktualität des Themas Seenotrettung deutlich. Dieu Hao Do betonte, wie wichtig es ihm ist, den bislang kaum gehörten Vietnames*innen in Deutschland durch seine filmische Arbeit eine Stimme zu geben. Er möchte wegkommen von Denkschablonen und Stereotypen. Ähnlich lautet der Tenor des Autoren Chi Dung Ngo, der ebenfalls als Bootsflüchtling nach Deutschland kam. Bei der Vorstellung seiner Biografie „Heimat für Fortgeschrittene“ bat er das Publikum: „Vergessen Sie nie, dass hinter jedem Migranten eine ganz persönliche Lebensgeschichte steht.“

Eva Völker

Fr, 14.12.2018 Di, 13.11.2018