Sa, 25.11.2023
Ankunft der Geflüchteten aus Südvietnam in Friedland am 3.12.1978, Foto: Bruno Schmidt|

Die Ankunft der Geflüchteten aus Vietnam vor 45 Jahren

Die gewaltsame Wiedervereinigung Vietnams nach der Kapitulation Südvietnams im Jahr 1975 hatte die Flucht unzähliger Zivilisten vor dem kommunistischen Regime zur Folge. Meist führte ihre Flucht in wenig seetüchtigen Booten über das Meer und viele Menschen kamen dabei ums Leben. Einigen gelang die Flucht mit Hilfe von Rettungsschiffen, wie z. B. der „Cap Anamur“, die von 1979 bis 1986 über 10.000 Menschen rettete. Der deutsche Journalist Rupert Neudeck hatte diese humanitäre Rettungsaktion mit großer Unterstützung aus der Bevölkerung initiiert.

Niedersachsen nahm unter dem Ministerpräsidenten Ernst Albrecht von Dezember 1978 bis Januar 1979 als erstes Bundesland 1008 Flüchtlinge auf. Knapp zwei Drittel davon waren zuvor auf der „Hai Hong“ gewesen, einem mit 2500 Menschen an Bord überfüllten Frachter, der vor Malaysia ankerte und keinen Hafen anlaufen durfte. Die Rettungsaktion wurde von dem Militärattaché der deutschen Botschaft Folker Flasse vor Ort koordiniert.

 

 

Vorbereitungen auf die Ankunft der Geflüchteten aus Südvietnam im Altbau des Uniklinikums Göttingen, Fotos: Hans-Dieter John

Die ersten Geflüchteten kamen am 3. Dezember 1978 am Flughafen Langenhagen in Niedersachsen an und wurden ins Grenzdurchgangslager Friedland gebracht. Ihr Aufenthalt währte nur kurz. Hier wurden die Geflüchteten registriert und verpflegt. Die medizinische Versorgung fand im Uniklinikum Göttingen statt. Im Altbau des Klinikums wurde eigens eine Abteilung für die medizinische Versorgung der Ankommenden gegründet. „[I]ch bekam (vom Staatssekretär des Niedersächsischen Ministeriums des Inneren) die Anweisung, die medizinische Versorgung im Krankenhaus zu machen“, erinnert sich Hilmar Burchardi, Arzt und damaliger Abteilungsleiter des Zentrums für Anästhesie, Rettungs- und Intensivmedizin der Uniklinik Göttingen. Großartige Unterstützung fand er bei Hans-Dieter John, einem Kollegen aus der Verwaltungsabteilung. Für alle Vorbereitungen hatten sie lediglich drei Tage Zeit. Bei der Ankunft am Flughafen Langenhagen waren Hilmar Burchardi und sein Team vor Ort und brachten direkt von dort aus die Schwerstkranken nach Göttingen ins Klinikum, wo sie weiter versorgt wurden. Eine Herausforderung war zunächst die sprachliche Verständigung, die kurze Zeit später mit Hilfe von Dolmetschern gemeistert werden konnte. Insgesamt erinnert sich Hilmar Burchardi an das große Engagement und die Hilfsbereitschaft seines Teams. Auf die Aufforderung, am späten Heiligabend doch endlich nach Hause zu gehen, gaben die Schwestern zur Antwort: „Wir haben Weihnachten schon gehabt“ und blieben. Und auch die Küche stellte zur Freude Aller ihren Speiseplan auf vietnamesische Gerichte um.

Unter den Helfenden in Friedland befand sich auch Schwester Hildegard Prahl vom Deutschen Roten Kreuz aus Hannover. Wegen ihrer ausgesprochen großen Fürsorge wurde sie von den Bewohner:innen des Lagers „Mama“ gerufen. Für ihr großes Engagement als DRK-Schwester erhielt sie das Bundesverdienstkreuz.

Nach den ersten Aufenthaltstagen in Friedland erfolgte die Verteilung der Vietnamesen und Vietnamesinnen auf weitere Unterkünfte in Niedersachsen. Viele Menschen kamen nach Norden-Norddeich ins Haus Nazareth, ursprünglich eine Freizeit- und Heimstätte, die sich nunmehr der Betreuung der dort Ankommenden widmete. Es fanden dort u. a. Sprachkurse statt. Ab 1983 wurde dort auch die zentrale Stelle für die Beratung und Begleitung vietnamesischer Geflüchteter in Niedersachsen eingerichtet.

Die Aufnahme der ersten „boat people“ als humanitäre Rettungsaktion zeichnete ein neues Bild der deutschen Flüchtlingspolitik der 1970er Jahre. Sie sollte die spätere Asylpolitik nachhaltig prägen und ermöglichte unter dem Stichwort „humanitäre Aufnahme“, vielen Geflüchteten Schutz in Deutschland zu gewähren.

 

Fr, 22.12.2023 Mo, 23.10.2023