Fr, 10.09.2021
Robert Klein "Ware Mensch"
Collage 2010, 50x70 cm
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Ware Mensch

„Ware Mensch“ – so lautet der Titel eines Kunstwerks von Robert Klein, das vor Kurzem dem Museum Friedland als Schenkung übergeben wurde. Der Titel korrespondiert mit dem Inhalt der Collage. Dargestellt ist der Hinterkopf einer männlichen Gestalt, der Kopf ist kahlgeschoren, versehen mit einem Strichcode und einer Nummer.

Der Betrachter wird unmittelbar konfrontiert mit der Darstellung eines Menschen, der jeglicher Individualität beraubt ist. Seine Identität scheint hinter einer Nummer in Kombination mit einem Strichcode verborgen. Die Collage „Ware Mensch“ zeichnet sich durch eine reduzierte Gestaltungsweise aus. Der Künstler verzichtet auf gestalterische Elemente und konzentriert sich auf das Wesentliche.

Das Kunstwerk zeugt von Kleins Auseinandersetzung mit den Schicksalen von Kriegsgefangenen und Zivilinternierten in den Arbeitslagern der Sowjetunion. Die Geschichten von Vertreibung Deutscher in Russland sind auch Teil Kleins eigener Familiengeschichte. Robert Klein, geboren 1988 in Saransk, Russland, entstammt einer Familie, die an den Folgen des Zweiten Weltkrieges und den damit verbundenen Repressalien gegen die Zivilbevölkerung zu leiden hatte: Die Deportation nach Sibirien, Verfolgung und Unterdrückung. Kleins Familie erlitt die Repressalien als zugewanderte Deutsche in Russland. In Folge des Erlasses zur Deportation und Verbannung der Deutschen in Russland von 1941 wurde die Familie nach Sibirien, Region Omsk zwangsumgesiedelt. Kleins Großvater wurde zur Zwangsarbeit verpflichtet. Schließlich verließ Kleins Familie Russland im Jahr 1996. Im Alter von sieben Jahren kam Robert Klein als Spätaussiedler nach Friedland. Von der Atmosphäre und der Aufnahme im Grenzdurchgangslager war die Familie sehr gerührt.

„Diese Collage ist heute genauso so aktuell wie vor hundert Jahren und zeigt, welchen Einfluss die Politik, Macht und Geld auf Menschen haben können. Aus einer bestimmten Sicht und Hierarchie heraus wird der Mensch leider als ein Produkt betrachtet, als eine lenkbare Biomasse, beziehungsweise wird oft nur auf seine reine Arbeitskraft und Produktionsleistung reduziert,“ kommentiert Robert Klein.

Inzwischen lebt und arbeitet Robert Klein als freischaffender Künstler und Illustrator in Magdeburg. Dort engagiert er sich u. a. bei Meridian e. V., einer internationalen sozialen Organisation, die sich der Verständigung von Menschen unterschiedlicher Sprachen und Herkunft widmet.

In unterschiedlichen Projekten befasst sich der Künstler mit der Situation der Deutschen aus Russland, mit Fragen der Identität und der Zugehörigkeit. Hier erfahren Sie mehr zum Künstler und seiner Arbeit: kopfkinokunst.de/ueber-mich.

 

Interview mit Robert Klein

Wie kam es dazu, dass Sie sich in „Ware Mensch“ mit dem dargestellten Thema auseinandergesetzt haben?

Ausgehend von meiner eigenen Biografie, wurde ich zwischen Abitur und Studium mit dem Wehrdienst konfrontiert und sammelte dort eindrückliche Erfahrungen im Dienst, dass man in erster Linie ein Soldat ist und der Mensch dahinter in der ganzen militärischen Hierarchie in den Hintergrund gerückt erscheint. Kurz nach dem Wehrdienst entstand dann dieses Bild. Ich glaube zu dieser Zeit habe ich das Gefühl des Untergeordnetseins und mangelnder kreativer Entfaltung am deutlichsten wahrgenommen.

Wie ist die Collage „Ware Mensch“ entstanden?

Die Collage entstand zuerst aus einer Zeichnung heraus. Ich wollte mich dem Thema in schwarz-weiß annehmen. Zur Collage kam es dabei eher zufällig, da ich mich zu dieser Zeit viel mit Mixed Media Techniken angefangen habe auseinanderzusetzen, sprang der Funke über, dies auch bei diesem Bild anzuwenden.

Welche Rolle spielt Ihre Tätigkeit als Künstler für Ihr soziales Engagement?

Meine künstlerische Tätigkeit kommt auch in Vereinsarbeit zum Tragen. Seit 2016 leite ich das Studio für Bildende Kunst bei dem Sozio-kulturellen Verein „Meridian“ e.V. in Magdeburg. Neben dem generationsübergreifenden Aspekt stellt das Studio gleichzeitig eine Kommunikationsplattform für Kinder und Jugendliche dar. Es stellt vor allem eine integrale Brücke für begabte Teilnehmer her und fungiert gleichzeitig als Austauschplattform für hilfsbedürftige Menschen mit Migrationshintergrund.

Womit beschäftigen Sie sich als Künstler/ Illustrator gerade?

Im Moment widme ich mich gerade wieder mehr der klassischen Landschaftsmalerei. Eine großartige Möglichkeit sich wieder mehr mit der Natur zu verbinden, Inspiration für künftige Projekte zu sammeln und zur Ruhe zu kommen. Gleichzeitig erkunde ich auch neue Umsetzungsideen und Abbildungstechniken. Gerade freie Arbeiten laden immer zum Experimentieren und Erkunden neuer Ausdrucksformen ein.

Spielt Ihre Herkunft eine Rolle im Alltag?

Ich bin in einem Grundschulalter (7) nach Deutschland gekommen, in dem es mit der Integration in der Regel kaum Probleme gibt und die Herkunft nicht so stark an einem haftet, als dies der Fall wäre, wäre ich in der Pubertät oder älter bei der Ankunft. Als Kind ist alles immer ein Spiel und vieles neu und aufregend, während man in einer Art kindlichen Blase lebt, wo alles im geschützten Umfeld der Familie, Freunde und geregeltem Alltag der Schule sich abspielt.

Ich würde sagen, dass im Alltag meine Herkunft keine Relevanz hat aus dem oben genannten Grund heraus.

An welche Herausforderungen erinnern Sie sich nach Ihrer Ankunft in Friedland und der Phase des Ankommens?

Nach unserer Ankunft erinnere ich mich an eine spannende Zeit von neuen Erfahrungen und Eindrücken. Mit sieben Jahren war das alles für mich wie ein großes Abenteuer und Reise zu neuen Wohnorten. Meine Eltern und Großeltern, die alles im Erwachsenenalter viel bewusster und ernster, mit einer größeren Tiefe als ich damals, wahrnahmen, war dieser Umzug etwas ganz anderes als für mich und meine geschützte Welt.

Mi, 01.09.2021