Joyce Aravena Von Chile nach Friedland

Am 10. Januar 1974 landet eine Maschine der Lufthansa in Frankfurt am Main. An Bord befinden sich siebzehn Flüchtlinge aus Chile, die zunächst in der deutschen Botschaft in Santiago Schutz vor dem Militärregime Pinochets gefunden hatten. Unter ihnen ist auch die vierzehnjährige Joyce Aravena. In ihrem Schuh versteckt sie eine Liste, auf der dreißig Namen von politisch Verfolgten in ihrem Heimatland stehen. Dass die chilenischen Sicherheitskräfte diese beim Abflug nicht entdeckt haben, ist ihr „Triumph in dem Moment". Auf der Reise ins Grenzdurchgangslager Friedland via Frankfurt am Main ist Joyce Aravena in Begleitung ihres Vaters, Patricio Aravena, und ihrer drei jüngeren Brüder. Ihre Mutter, Karin Aravena-Mayer, bleibt zunächst in Santiago zurück: Die chilenischen Behörden verbieten in letzter Sekunde ihre Ausreise.

 

Während der Regierungszeit Salvador Allendes (1970-1973) ist Familie Aravena in verschiedener Hinsicht sozial und politisch engagiert. So organisiert die junge Joyce gemeinsam mit Schulkameradinnen und -kameraden Alphabetisierungskurse. „Es war ein bisschen ‚Wow! Mir gehört die Welt!' und Friede, Freude, Eierkuchen. Ja, wir machen eine andere Art von Sozialismus", erinnert sie sich an diese Jahre des Aufbruchs im Chile der Unidad Popular. Der Putsch unter General Pinochets bringt Familie Aravena in starke Bedrängnis und birgt Gefahr für Leib und Leben. Selbst Tochter Joyce - gerade vierzehn Jahre alt - wird verhaftet, um Druck auf ihre Eltern auszuüben. Hausdurchsuchungen und Schikanen sind an der Tagesordnung. Der Vater kann schließlich untertauchen, und die Mutter entgeht nur dank ihrer deutschen Wurzeln, aufgrund derer sich das Konsulat einschaltet, der drohenden Hinrichtung.

 

Joyce Aravena, ihr Vater und ihre drei Brüder erreichen schließlich in der Nacht des 10. Januars 1974 ihr vorläufiges Zuhause in Deutschland: das Grenzdurchgangslager Friedland. Während in Santiago hochsommerliche Temperaturen herrschen, ist es in Deutschland für chilenische Verhältnisse bitterkalt. Joyce Aravena erinnert sich eindrücklich daran, während ihrer Zeit im GDL Friedland dauernd gefroren zu haben: „Es kam regelmäßig jemand, der geheizt hat, und wir haben immer gesagt: ‚Höher', weil wir wirklich so gefroren haben." Auch das Essen ist sehr ungewohnt: „Also, Salat mit Sahne ging überhaupt nicht!" Nach wenigen Tagen kommt auch Joyce Aravenas Mutter in Friedland an: Endlich ist die Familie wieder vereint.

 

Nach einigen Wochen im Grenzdurchgangslager startet Familie Aravena ihren Neuanfang. Die sehr guten Deutschkenntnisse der Mutter vereinfachen das Ankommen in der neuen Heimat. Zugleich akzeptieren die Eltern, die sich beide weiterhin politisch engagieren, das Exil: „Sie haben niemals mit dem gepackten Koffer unterm Bett geschlafen", weiß Joyce zu berichten. Ihr Vater kehrt bis zu seinem Tod 2011 nicht nach Chile zurück. Seine letzten Lebensjahre verbringt er gemeinsam mit Ehefrau Karin in Süd-Spanien.

 

Joyce Aravena fährt ihrerseits 1992 das erste Mal wieder nach Chile: „Es war eine sehr emotionale Reise." Sie fühlt sich in der alten und neuen Heimat gleichermaßen wohl und – so sagt sie heute - sucht sich von beiden Ländern jeweils „das Beste aus".

 

 

 

Annelie Keil Therese und Heinrich Ridder