Eugen Meyer Für 6 Wochen im Westen

Nur wenige Tage nach dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 flieht Eugen Meyer zu Fuß über die grüne Grenze in den Westen. Außer seiner Kleidung trägt der 14-jährige Schüler aus Sülzhayn im grenznahen Sperrgebiet nur seinen Personalausweis bei sich. „Ich dachte mir, du musst doch mal sehen, wie das denn im Westen ist." Abenteuerlust ist allerdings nicht der einzige Fluchtgrund: Als Katholik hatte Eugen Meyer als einziger in seiner Klasse nicht an der Jugendweihe teilgenommen. Auch durch Aufforderungen zum Eintritt in die FDJ sieht er sich zunehmend in Bedrängnis.

 

Geboren wurde Eugen Meyer 1947 in Ostpreußen. Sein Vater musste als kriegsgefangener Arzt in verschiedenen Kranken- und Waisenhäusern arbeiten, bevor die Familie 1948 nur mit Handgepäck nach Brandenburg ausgewiesen wurde. Nach dem missglückten Versuch in Köln – der Heimatstadt des Vaters - Fuß zu fassen, zieht die Familie 1950 ins thüringische Sülzhayn, wo der Vater in einer Lungenheilanstalt arbeitet. Nach seiner Republikflucht wird Eugen Meyer von der Grenzpolizei nach Friedland gebracht, um das Notaufnahmeverfahren für Flüchtlinge aus der DDR zu durchlaufen. Von der nächtlichen Fahrt durch Göttingen bleibt ihm vor allem die ungekannt helle Straßenbeleuchtung in Erinnerung. In Friedland herrscht zu dieser Zeit wegen des Mauerbaus ein reger Betrieb.

 

Eugen Meyer trifft in Friedland viele DDR-Flüchtlinge aus Berlin. Nach seinem Aufenthalt im Grenzdurchgangslager kommt er nach Köln, wo er in sehr beengten Verhältnissen mit seiner Großmutter ein Zimmer teilen muss und die Schule besucht. Von Heimweh geplagt, kehrt er nach nur sechs Wochen nach Thüringen zurück. Wegen der guten Kontakte seines Vaters, der auch die örtlichen Grenztruppen ärztlich behandelt, darf er weiterhin bei seiner Familie im Sperrgebiet wohnen. Trotzdem bleibt seine Eskapade nicht ohne Folgen. Zunächst darf Eugen Meyer kein Abitur machen – um dennoch studieren zu können, absolviert er eine Ausbildung zum Elektromechaniker im VEB Büromaschinenwerk Sömmerda. Er darf anschließend ein Studium zum Wartungsingenieur für Großrechner in Dresden beginnen, wo er an der Entwicklung und Produktion des ersten Großrechners der DDR beteiligt ist. Beenden kann er dieses Studium wegen seiner Republikflucht allerdings dann doch nicht. Von solchen Rückschlägen lässt sich der bekennende Technikfreak jedoch nicht unterkriegen: Er beginnt eine Arbeit bei der VEB Kältetechnik Niedersachswerfen. In der Abendschule holt er nebenher sein Ingenieurstudium nach – diesmal mit Abschluss.

 

Im Zuge der friedlichen Revolution nimmt Eugen Meyer 1989 an Montagsdemonstrationen im Grenzgebiet teil und ist aktiv an der Grenzöffnung in Ellrich beteiligt. Bei der Abwicklung der DDR setzt er sich - ganz nach dem Motto „Schwerter zu Pflugscharen" – für die Vernichtung des Waffenarsenals der Betriebskampfgruppe der VEB Kältetechnik Niedersachswerfen ein. Nach der Wende lehrt Eugen Meyer bis zu seiner Pensionierung als Dozent in der Bundesfachschule Kälte-/Klimatechnik. Heute genießt er seinen aktiven Ruhestand in Ellrich.

 

 

 

Annelie Keil