Mi, 07.03.2018
Der Historiker und Buchautor Philipp Ther

Philipp Ther liest aus "Die Außenseiter"

Es dürfte Philipp Thers erste Lesung in einem Grenzdurchgangslager gewesen sein. „Ein passender Ort“, meint Ther, der in seinem Buch „Die Außenseiter“ ein Bild von Europa als einem Kontinent der Flüchtlinge zeichnet. Aus der Vogelperspektive zeigt Ther, der an der Universität Wien Geschichte lehrt, die historischen Hintergründe der Fluchtbewegungen in Europa – angefangen von Glaubensflüchtlingen, über Menschen, die vor Nationalismus und dem Nationalsozialismus fliehen mussten bis hin zu politischen Flüchtlingen. Dazwischen klug eingestreut sind Nahaufnahmen von einzelnen Flüchtlingen oder Flüchtlingsfamilien aus den verschiedenen Epochen.

Es sind bekannte Persönlichkeiten wie Manès Sperber oder Hannah Arendt, aber auch völlig Unbekannte wie zum Beispiel der spanische Bürgerkriegsflüchtling Manuel Alarcón Navarro, der Anfang 1938 in Frankreich Zuflucht suchte. Dort durfte er jedoch nicht bleiben, ging ein Jahr später wieder zurück nach Spanien, wo er schon bald in einem Konzentrationslager der Franco-Diktatur starb. Ther verfolgt mit diesen Portraits eine bestimmte Absicht: „Das sind Einzelbeispiele, die aber jeweils nicht nur etwas über das Individuum sagen, sondern auch darüber hinaus. Wo man mehr erfährt, also beispielsweise über den Prozess der Flucht, das Technische, die Fluchtwege und die großen Massen, das steckt auch alles mit drin. Aber man sollte auch den einzelnen Flüchtling betrachten. Das erscheint mir gerade heute sehr wichtig. Da reden wir doch auch immer von ‚den Flüchtlingen‘.“

Dabei interessiert Philipp Ther immer auch die Frage, wie Flüchtlinge aufgenommen wurden. Günstig waren in seinen Augen etwa Fördermaßnahmen, wie die, von denen nach dem Zweiten Weltkrieg die Vertriebenen profitierten. Der Historiker erläutert: „Da gab es den Lastenausgleich, u. a. Studienstipendien, Gründerkredite, dann gab es Entschädigungsleistungen, immerhin konnten Vertriebene, die in der alten Heimat einen bereits einen Betrieb hatten, in Westdeutschland wieder einen neuen gründen. Und etliche haben das auch gemacht. Es gibt auch quasi Vertriebenenstädte, Neugablonz bei Kaufbeuren wäre ein Beispiel. Und die, die da angekommen sind, haben die Kredite benutzt, um ein neues Leben zu begründen.“ All das habe letztlich doch sehr gut funktioniert, von den Investitionen habe auch die aufnehmende Gesellschaft profitiert.

Auf die Frage, wie Historiker*innen in einigen Jahrzehnten auf die Flüchtlingskrise 2015 blicken werden, entgegnete Ther, weder die Tatsache, dass Menschen vor einem Bürgerkrieg flüchteten, noch die Zahlen der Flüchtlinge seien außergewöhnlich. Allerdings sei schon überraschend gewesen, dass sich so viele Syrer*innen aus den türkischen Flüchtlingslagern nach Deutschland auf den weiten Weg gemacht hätten. Als Erklärung für die hohe Aufnahmebereitschaft im Jahr 2015 nannte Ther die damals schon günstigen Bedingungen am deutschen Arbeitsmarkt. Allerdings sei die Einstiegshürde heute deutlich höher als früher aufgrund der zunehmenden Technisierung und Digitalisierung. Dadurch gebe es deutlich weniger Stellen für Geringqualifizierte, was den Zugang zu Jobs erschwert.

Ein weiteres Hindernis sieht Ther im Bereich der modernen Medien – seit dem Aufkommen des Satellitenfernsehens und erst recht durch Social Media würden die Berührungspunkte mit der Sprache des aufnehmenden Landes minimiert. Unter dem Strich seien die Bedingungen für eine gelingende Integration heute aber so günstig wie nie. So lautet dann auch der Tenor von Philipp Thers Buch „Die Außenseiter“: Integration kann funktionieren: Die Aufnahmegesellschaft muss allerdings auch investieren, sowohl Zeit, als auch Geld. Am Ende haben beide Seiten etwas davon.

Eva Völker

Di, 13.03.2018 Mo, 26.02.2018