Mo, 16.04.2018
Geschichte einer Flucht über die serbisch-ungarische Grenze

Lesung mit Luise Rist

Die Göttinger Autorin und Theatermacherin Luise Rist hat aus ihrem neuen Roman MORGENLAND gelesen. Darin erzählt sie sehr spannend die Geschichte einer Flucht über die serbisch-ungarische Grenze.

Luise Rist lässt ihre Protagonistin Frida nach Serbien reisen. Dort will die junge Frau aus Deutschland Geflüchtete unterstützen, die an der Grenze zu Ungarn gestrandet sind. Ihnen wird der Weg in die Europäische Union zunehmend erschwert, weil Viktor Orbán die Grenze mit einem Zaun gesichert hat. Auch in Serbien werden die Geflüchteten nicht gerade mit offenen Armen empfangen.

Der Stoff des Buches ist hochaktuell: Denn obwohl die Balkanroute als geschlossen gilt, hängen noch immer 6000 Flüchtlinge in Serbien fest - viele von ihnen in illegalen Lagern ohne Strom, Wasser und jegliche Versorgung. Besonders greifbar wurde das, weil Luise Rist zwei Gäste mitgebracht hatte, Shoeib und Parsa, die denselben Weg aus Afghanistan gemacht haben wie der Protagonist aus MORGENLAND.

Eva Völker

Buch: Morgenland, Luise Rist, cbj, ISBN: 978-3-570-31139, € 8,99

 

 

Fr, 06.04.2018
Filmemacher Dieu Hao Do auf Recherche

"Deutsche Migrationsgeschichten in ihrer Vielfalt zeigen"

Vor knapp 40 Jahren kamen die ersten Boat People aus Vietnam in Friedland an, die von der niedersächsischen Landesregierung in einer beispielhaften Aktion aufgenommen wurden. Diesen Geflüchteten aus Südostasien ist ein Teil unserer Ausstellung gewidmet, für den sich auch der junge deutsch-chinesische Filmemacher Dieu Hao Do interessiert.

Der ambitionierte Nachwuchsregisseur, der bereits mehrfach mit seinen Werken beim Max-Ophüls-Festival vertreten war, gehört der zweiten Generation der Boat People an. Seine Mutter, die zuvor als Angehörige der südchinesischen Minderheit in Saigon/Ho Chi Minh Stadt  gelebt hatte, flüchtete zusammen mit ihrer Tochter und ihren Eltern 1980 von dort nach Deutschland.

Ihr Sohn setzt sich jetzt mit ihrer Vergangenheit und der der Boat People auseinander. Er will ihnen einen Film widmen. Noch steht der 31-Jährige ganz am Anfang seiner Recherchen. „Ich stelle mir viele Fragen“, sagt Dieu Hao Do: "Wie hatten die Menschen in Vietnam gelebt, ehe sie das Land verließen? Wie hat ihre Lebensgeschichte sie geprägt? Welche Auswirkungen hatten der Verlust der Heimat, die Flucht und die Ankunft in Deutschland auf die nachfolgende Generation?"

Der Filmemacher aus Berlin will ein differenziertes Bild der Boat People zeichnen, über die in der Öffentlichkeit noch immer wenig bekannt ist. „Bis heute reden die ehemaligen Boat People nicht über den Krieg in ihrem Land und die Zeit danach“, sagt Dieu Hao Do. „Es ist ein kollektives Trauma, das nach wie vor verdrängt wird“, ergänzt der junge Mann. Er hat die Erfahrung gemacht, dass es die Menschen viel Mut und Überwindung kostet, darüber zu sprechen.

Dieu Hao Do nimmt sich viel Zeit, um sich die Flucht der Menschen an Bord der „Hai Hong“ anzuschauen, die im Museum mit einer ausführlichen Fotostrecke von der Rettung vor der Küste Malaysias über die Landung in Hannover-Langenhagen bis zur Ankunft in Friedland dokumentiert ist. Unter den Bildern sind auch zahlreiche private Aufnahmen einer vietnamesischen Familie, die einige Monate in Friedland lebte. Sie geben einen Eindruck davon, wie die Menschen ihre Ankunft in Deutschland erlebten. Dieu Hao Do wünscht sich, dass deutsche Migrationsgeschichten in ihrer Vielfalt gezeigt und wahrgenommen werden. „Dafür ist das Museum ein wichtiger Ort“, sagt er. Auch mit seinem geplanten Film über die Boat People aus Vietnam will er dazu beitragen.

Eva Völker

Do, 15.03.2018
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Wettbewerb für unseren Erweiterungsbau gestartet!

Der europaweite Realisierungswettbewerb für den Erweiterungsbau des Museums Friedland ist offiziell eröffnet. Geplant ist der Bau eines Besucher-, Medien- und Dokumentationszentrums. Eingebettet in eine landschaftsgärtnerisch gestaltete Anlage wird der Neubau zwischen dem historischen Bahnhof und dem Grenzdurchgangslager Friedland entstehen. Das neue Gebäude wird über Ausstellungsflächen von ca. 800 qm sowie Seminar-, Bibliotheks-, Depot- und Büroräume, ein Café und einen kleinen Museumsshop verfügen. Es soll zur Begegnungsstätte werden, die eine Brücke zwischen dem Museum und dem Grenzdurchgangslager bildet. Die Baukosten in Höhe von rund 13 Millionen Euro werden vom Bund und vom Land Niedersachsen getragen.

Der Niedersächsische Minister für Inneres und Sport, Boris Pistorius, in dessen Haus das Museum Friedland koordiniert wird, blickt dem geplanten Ausbau des Museums optimistisch entgegen: „Ich hoffe natürlich auf eine rege Beteiligung von Planungsbüros. Das anspruchsvolle Niveau der Dauerausstellung im historischen Bahnhof ist Anreiz und Herausforderung zugleich. Ich gehe deshalb fest davon aus, dass der geplante Neubau das Interesse zahlreicher qualifizierter Bewerberinnen und Bewerber weckt“, so der Innenminister.

Die im März 2016 eröffnete Dauerausstellung „Fluchtpunkt Friedland“ präsentiert aus verschiedenen Blickwinkeln die Geschichte des Grenzdurchgangslagers von 1945 bis heute. Mit modernen Medien und bewegenden Geschichten erzählt sie von der Arbeit und Bedeutung des Lagers im Wandel der Zeit, das bisher mehr als 4 Millionen Menschen passiert haben. „Im Museum Friedland treffen Geschichte und Gegenwart sowie Lokales und Globales aufeinander – der ideale Ort, sich mit den aktuellen Herausforderungen von Flucht, Migration und Integration zu beschäftigen“, so Museumsleiter Dr. Frank Frühling.

Minister Pistorius sagt: „Das Museum Friedland ist schon jetzt ein großer Erfolg, auf den wir aufbauen wollen. Die Verknüpfung des Betriebs einer Aufnahmeeinrichtung und eines Museums, das die Geschichte des Grenzdurchgangslagers Friedland darstellt, ist bundesweit einmalig. Dadurch gelingt es nicht nur, zahlreiche Besucherinnen und Besucher mit der Ausstellung und den gezeigten Exponaten zu begeistern, sondern darüber hinaus die Themen Migration und Integration ein Stück weit erlebbar zu machen. Die Erweiterung der Dauerausstellung durch ein modernes Besucher-, Medien und Dokumentationszentrum ist ein weiterer wichtiger Schritt, um das gegenseitige Verständnis sowie die Akzeptanz des vermeintlich Fremden in unserer Gesellschaft zu stärken.“

Der Kurator der bestehenden Dauerausstellung Dr. Joachim Baur, Berlin, wird auch den Erweiterungsbau kuratieren. „Vielfältige Perspektiven auf die Themen Migration und Integration werden in die Darstellung des neuen Hauses integriert. Ausgangspunkt der Betrachtung wird dabei stets die Gegenwart sein“, so Baur.

Eva Völker

Di, 13.03.2018
Interessante Einblicke ins Sammeln und Archivieren

Tag der Archive

Eine kleine, aber feine Veranstaltung, war unser Tag der Archive, der unter dem Motto „Migration sammeln und archivieren“ stand. Knapp 20 Besucher*innen konnten zunächst in einer speziellen Führung mit Rebecca Nielen Einblicke gewinnen, wie wir sammeln und archivieren. Zunächst zeigte sie, welche wichtige Quelle die Lagerchronik für unser Archiv und unsere Sammlung darstellt. Sie enthält viele Fotos aus dem Leben des Grenzdurchgangslagers, die von unschätzbarem Wert sind. Die Besucher*innen konnten sich anhand der digitalen Version der Chronik in der Ausstellung selbst davon überzeugen. Mit der Kartei des DRK-Suchdienstes hat die Dauerausstellung ein weiteres Archiv zum Thema. Es entwickelte sich aus selbstgebastelten Suchschildern und -plakaten über Fotobände bis hin zur heutigen modernen Datenbank.

Aus dem Werk von Herrmann Günther

In einer spannenden Präsentation erläuterte Ewa Kruppa, verantwortlich bei uns für Archiv und Sammlung, die Kriterien, nach denen das Museum Friedland seine Sammlung aufbaut. Es geht um Objekte, Dokumente und Fotografien, die mit der Geschichte des Grenzdurchgangslagers verbunden sind, häufig um persönliche Gegenstände von Menschen, die das Lager passiert haben. Wie viele der Dinge im „Raum der Sieben Sachen“ in unserer Dauerausstellung stammen sie vom Herkunftsort unserer Zeitzeug*innen, manche sind aber auch auf der Flucht oder in Kriegsgefangenschaft entstanden. Andere dagegen wurden erst nach dem Aufenthalt in Friedland geschaffen wie etwa die Malereien von Herrmann Günther aus Jühnde. An ihnen machte Ewa Kruppa deutlich, dass das Sammeln ein stetiger Prozess ist.

Aus der Sammlung Walter Wydarty

Die acht Großformate zeigen in eindrücklichen Szenen den Alltag eines deutschen Soldaten im sowjetischen Kriegsgefangenlager Uljanowsk. Auf einem Bild ist ein Häftling zu sehen, der gerade untersucht wird. Die Komposition der Szene hat eine frappierende Ähnlichkeit mit einem anderen Objekt aus unserer Sammlung: einer Zeichnung aus der Sammlung Wydarty. Walter Wydarty war ebenfalls in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, allerdings ist nicht bekannt, in welchem Lager. Mit der Malerei von Herrmann Günther und der Zeichnung aus der Sammlung Wydarty hat Ewa Kruppa zwei Puzzleteile identifiziert, die zueinander passen könnten. Ob das tatsächlich so ist, d. h. ob Wydarty ebenfalls in Uljanowsk interniert war, die beiden möglicherweise einander gekannt haben oder die Zeichnungen sogar aus der Hand von Herrmann Günther stammen, wird sie in weiteren Recherchen herauszufinden versuchen. Dass Sammeln im Museum so spannend sein kann, hätte ich, ehrlich gesagt, nicht gedacht.

Eva Völker

Mi, 07.03.2018
Der Historiker und Buchautor Philipp Ther

Philipp Ther liest aus "Die Außenseiter"

Es dürfte Philipp Thers erste Lesung in einem Grenzdurchgangslager gewesen sein. „Ein passender Ort“, meint Ther, der in seinem Buch „Die Außenseiter“ ein Bild von Europa als einem Kontinent der Flüchtlinge zeichnet. Aus der Vogelperspektive zeigt Ther, der an der Universität Wien Geschichte lehrt, die historischen Hintergründe der Fluchtbewegungen in Europa – angefangen von Glaubensflüchtlingen, über Menschen, die vor Nationalismus und dem Nationalsozialismus fliehen mussten bis hin zu politischen Flüchtlingen. Dazwischen klug eingestreut sind Nahaufnahmen von einzelnen Flüchtlingen oder Flüchtlingsfamilien aus den verschiedenen Epochen.

Es sind bekannte Persönlichkeiten wie Manès Sperber oder Hannah Arendt, aber auch völlig Unbekannte wie zum Beispiel der spanische Bürgerkriegsflüchtling Manuel Alarcón Navarro, der Anfang 1938 in Frankreich Zuflucht suchte. Dort durfte er jedoch nicht bleiben, ging ein Jahr später wieder zurück nach Spanien, wo er schon bald in einem Konzentrationslager der Franco-Diktatur starb. Ther verfolgt mit diesen Portraits eine bestimmte Absicht: „Das sind Einzelbeispiele, die aber jeweils nicht nur etwas über das Individuum sagen, sondern auch darüber hinaus. Wo man mehr erfährt, also beispielsweise über den Prozess der Flucht, das Technische, die Fluchtwege und die großen Massen, das steckt auch alles mit drin. Aber man sollte auch den einzelnen Flüchtling betrachten. Das erscheint mir gerade heute sehr wichtig. Da reden wir doch auch immer von ‚den Flüchtlingen‘.“

Dabei interessiert Philipp Ther immer auch die Frage, wie Flüchtlinge aufgenommen wurden. Günstig waren in seinen Augen etwa Fördermaßnahmen, wie die, von denen nach dem Zweiten Weltkrieg die Vertriebenen profitierten. Der Historiker erläutert: „Da gab es den Lastenausgleich, u. a. Studienstipendien, Gründerkredite, dann gab es Entschädigungsleistungen, immerhin konnten Vertriebene, die in der alten Heimat einen bereits einen Betrieb hatten, in Westdeutschland wieder einen neuen gründen. Und etliche haben das auch gemacht. Es gibt auch quasi Vertriebenenstädte, Neugablonz bei Kaufbeuren wäre ein Beispiel. Und die, die da angekommen sind, haben die Kredite benutzt, um ein neues Leben zu begründen.“ All das habe letztlich doch sehr gut funktioniert, von den Investitionen habe auch die aufnehmende Gesellschaft profitiert.

Auf die Frage, wie Historiker*innen in einigen Jahrzehnten auf die Flüchtlingskrise 2015 blicken werden, entgegnete Ther, weder die Tatsache, dass Menschen vor einem Bürgerkrieg flüchteten, noch die Zahlen der Flüchtlinge seien außergewöhnlich. Allerdings sei schon überraschend gewesen, dass sich so viele Syrer*innen aus den türkischen Flüchtlingslagern nach Deutschland auf den weiten Weg gemacht hätten. Als Erklärung für die hohe Aufnahmebereitschaft im Jahr 2015 nannte Ther die damals schon günstigen Bedingungen am deutschen Arbeitsmarkt. Allerdings sei die Einstiegshürde heute deutlich höher als früher aufgrund der zunehmenden Technisierung und Digitalisierung. Dadurch gebe es deutlich weniger Stellen für Geringqualifizierte, was den Zugang zu Jobs erschwert.

Ein weiteres Hindernis sieht Ther im Bereich der modernen Medien – seit dem Aufkommen des Satellitenfernsehens und erst recht durch Social Media würden die Berührungspunkte mit der Sprache des aufnehmenden Landes minimiert. Unter dem Strich seien die Bedingungen für eine gelingende Integration heute aber so günstig wie nie. So lautet dann auch der Tenor von Philipp Thers Buch „Die Außenseiter“: Integration kann funktionieren: Die Aufnahmegesellschaft muss allerdings auch investieren, sowohl Zeit, als auch Geld. Am Ende haben beide Seiten etwas davon.

Eva Völker

Mo, 26.02.2018
Vertrer*innen von UNHCR, NGOs und Regierungen zu Besuch

Hochkarätige Resettlement-Tagung in Friedland

Die dreitägige Konferenz rund um das Thema Resettlement hatte ihren Auftakt im Grenzdurchgangslager Friedland. Die etwa 70 Teilnehmer*innen aus vielen verschiedenen Ländern haben alle in der ein oder anderen Form mit Resettlement zu tun, dem Neuansiedlungsprogramm des Flüchtlingshilfswerks UNHCR - ob im Namen aufnehmender Staaten, des UNHCR oder als Vertreter*innen von NGOs. Ziel dieser jährlich stattfindenden „Tripartite Consultations on Resettlement“ ist es, die Zusammenarbeit zwischen Regierungen, dem UNHCR und den NGOs zu stärken. In Friedland konnten sich die Teilnehmer*innen u. a. in Vorträgen der Caritas Friedland und des Grenzdurchgangslagers darüber informieren, wie das Aufnahmeverfahren in Deutschland funktioniert.

Auf dem Programm stand auch ein Besuch im Museum Friedland. Beim Gang durch die Ausstellung konnte ich mit einigen Teilnehmer*innen sprechen. So erzählte Jennifer Ghikas vom Resettlement Service des UNHCR in Genf, sie sei beeindruckt, wie die Ausstellung deutlich mache, welche umfassenden Wanderungsbewegungen der Zweite Weltkrieg und die Nazi-Herrschaft auslösten. Die Zahlen, die im Museum vermittelt werden, haben es ihr angetan: Etwa, dass in der Nachkriegszeit innerhalb von drei Monaten eine halbe Million Menschen das Grenzdurchgangslager passierten. Auch im Rahmen ihrer Tätigkeit für den UNHCR befasst sich Jennifer Ghikas mit Zahlen. Aktuell gebe es von den weltweit mehr als 60 Millionen Geflüchteten 1,2 Millionen besonders schutzbedürftige, die in das Resettlement-Programm aufgenommen werden müssten. Im Jahr 2016 seien jedoch nur 160.000 Plätze angeboten worden, 2017 sogar nur noch 57.000. Der dramatische Rückgang sei vor allem auf die drastisch gesunkene Aufnahmebereitschaft seitens der USA zurückzuführen.

Mary Abraha vom eidgenössischen Staatssekretariat für Migration berichtete, dass das Resettlement-Verfahren in der Schweiz sehr ähnlich ablaufe wie in Deutschland. In der Ausstellung gefiel ihr „die gute Mischung aus Hintergrundinformationen über historische Zusammenhänge und persönlichen Geschichten einzelner Geflüchteter“. Ähnlich auch das Fazit von Maren Göre vom Bundesinnenministerium: „Die Ausstellung eröffnet über die Geschichte des Grenzdurchgangslagers hinaus den Blick auf größere Kontexte von Flucht und Migration“.

Om Dhungel, Präsident des Verbandes der Bhutanesen in Australien, sagte, durch die Ausstellung würden eigene Fluchterfahrungen relativiert. Er selbst war aus seinem Herkunftsland Bhutan geflohen, wo er seine Frau und seine damals zweijährige Tochter zurücklassen musste. Inzwischen ist er in der Flüchtlingsberatung in Australien tätig und leitet u. a. ein Projekt für die Niederlassung Geflüchteter. Die Arbeit ist sehr erfolgreich, 60 Prozent der Teilnehmer*innen konnten sich seinen Angaben zufolge nach sechs Jahren eine eigene Wohnung in Sydney finanzieren. Ein schönes Beispiel dafür, dass Teilhabe gelingen kann.

Die Begegnungen mit den Gästen aus so verschiedenen Ländern und von solch unterschiedlichen Institutionen waren deshalb spannend, weil sie ganz vielfältige Perspektiven auf die Themen Flucht und Migration hatten. Veranstaltet wurde die Tagung vom Bundesinnenministerium, Caritas Deutschland und dem UNHCR. Wir wünschen allen Teilnehmer*innen viel Erfolg bei ihrer weiteren Tätigkeit im Bereich Resettlement, eine Aufgabe die angesichts der weltweit steigenden Flüchtlingszahlen einerseits und der zunehmenden Abschottung von Staaten wie den USA andererseits zur Zeit sehr schwierig sein dürfte.

Eva Völker

Di, 06.02.2018
Im Raum über den DRK-Suchdienst

Ein Rundgang voller Erinnerungen

Vor kurzem besuchte Rami A. das Museum Friedland; selbst hat er zweieinhalb Monate im Grenzdurchgangslager Friedland gelebt, stellte von dort aus seinen Asylantrag, zurzeit wohnt er in Göttingen, wo er sich auf sein Studium der Wirtschaftsinformatik vorbereitet.

Während der 24-Jährige durch die Ausstellung geht, erklärt er mir immer wieder verwundert, wie wenig er über die Geschichte Deutschlands wusste und auch wie sehr Deutschland vor seiner Ankunft von Fluchterfahrung geprägt gewesen ist. Er selbst ist im Sommer 2015 aus dem irakischen Mossul hierher geflüchtet, nachdem die Besetzung der Stadt durch den IS nicht mehr zu ertragen war. Er hat sich von seinem alten Leben verabschieden müssen und bemerkt vor allem in dem Teil der Ausstellung, der der Gegenwart gewidmet ist, Überschneidungen mit seiner Flucht: „Ich kenne die Leute, die auch so waren, die auch ihre Familien zurückgelassen haben, ihr Studium, ihre Arbeit, fast alles und die hier gekommen sind um Sicherheit zu suchen, genauso wie ich“.

Nachdem er einen umfassenden Eindruck vom Museum bekommen hat, sprudelt es nur so aus ihm heraus – er vergleicht unentwegt seine eigenen Erfahrungen in der Erstaufnahmeeinrichtung mit der Vergangenheit. So hätten die Fotos der Ausstellung bei ihm den Eindruck erweckt, dass die Situation in Friedland nach dem Zweiten Weltkrieg nicht so schlimm gewesen sei, wie er sich das vorgestellt habe. Auch gerade nicht im Vergleich zu den Zuständen, wie er sie im Sommer 2015 bei seiner Ankunft im Grenzdurchgangslager vorgefunden hat. „Es war nie so schlimm, wie was ich eigentlich in real life hier gesehen habe in Friedland, wie die lange Schlange immer an der Essensausgabe oder die Schlange am Anmeldungsbüro“. Es habe sogar Menschen gegeben, die vor der Anmeldung genächtigt hätten, in der Hoffnung, als erste Anrecht auf ein freies Zimmer zu bekommen und das lange Warten zu umgehen.

Denn als Rami im Sommer 2015 in Friedland unterkam, war die Flüchtlingsunterkunft hoffnungslos überfüllt. Daher bringt das Foto vom leeren Speisesaal der Erstaufnahmeeinrichtung Rami zum Lachen: „So sah es hier nie aus, weil da gab es immer mal Leute, die einfach aggressiv waren oder Leute die einfach hungrig waren“.

Auf die Frage hin, ob er noch gerne auf seine Zeit in Friedland zurückblickt, schüttelt er entschieden den Kopf. „Gibt es ganz ganz wenige Leute die sagen, oh es war schön, weil es so schwierig war, aber als wir gekocht haben, hat sich das richtig richtig glücklich angefühlt.“

Unser Rundgang durch das Museum war sehr interessant, wir haben beide sehr viel dazugelernt und wurden durch die Ausstellung zu interessanten Gesprächen angeregt. So hätte ich nicht gedacht, dass ein kleiner Schlafraum die Bewohner*nnen animieren würde, dort mit mehr als zehn Personen zu singen, sich zu unterhalten und von einer besseren Zukunft zu schwärmen.

Im Endeffekt sollte das ja auch das Resultat eines gelungenen Museumsbesuches sein – eine Anregung, sich mehr mit dem Thema auseinanderzusetzen und eigene Gedanken und Erlebnisse damit zu verknüpfen. Rami jedenfalls blickt mit Freude seinem Studium der Wirtschaftsinformatik in Deutschland entgegen. Das einzige, was ihn noch einmal nach Friedland bringen würde, sagt er, sei ein erneuter Besuch des Museums.

Clara Kampa

Fr, 19.01.2018
Internationale Studierende im Museum Friedland

Exkursion der "Winter School"

Von weit her sind Studierende am Center for Modern Indian Studies der Universität Göttingen  zusammengekommen, um in einer "Winter School" gemeinsam zum Thema "Inherited Inequality" ("angeborene Ungleichheit") zu forschen.

Neulich unternahm die Gruppe eine Exkursion in das Museum Friedland. Beim Rundgang durch die Ausstellung erhielten die jungen Wissenschaftler*innen Einblick in die Geschichte des Grenzdurchgangslagers und die aktuelle Aufnahmepraxis im Lager.

Bei den rund 30 Studierenden, die sich aus den USA, Indien oder Südafrika für die "Winter School" beworben hatten, stieß die Geschichte von Geflüchteten in Deutschland von 1945 bis heute auf reges Interesse. Je nach ihrem akademischen Hintergrund, der aus Fachrichtungen wie Afroamerikanistik, Politikwissenschaft, Geschichte oder Jura bestand, stellten sie viele interessante Fragen, auf welche die Guides Victoria Jung und Friederike v. Eckardstein oder auch die Gruppe (fast) immer eine Antwort fanden.

Danach führte Kurator Dr. Joachim Baur die Gruppe durch das Grenzdurchgangslager. Neben wichtigen Informationen zu dem Erscheinungsbild und der Funktion des Lagers, vor allem zu den vielschichtigen "Sehenswürdigkeiten" wie z.B. der Friedlandglocke, kam vor allem die Herausforderung zur Sprache, eine Besuchergruppe durch das Lager Friedland zu führen und gleichzeitig einen respektvollen Umgang mit den Bewohner*innen der Einrichtung zu gewährleisten.

Zurück im Museum erwartete die Gruppe eine Reihe von Gästen, die sich freundlicherweise bereit erklärt hatten, die Abschlussdiskussion mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen zu bereichern. Der Leiter der Caritas im Lager Friedland, Thomas Heek, war gekommen und hatte seine Mitarbeiterin Nicole Schmale mitgebracht, die unter anderem in der Asylverfahrensberatung tätig ist. Auch Moaz Jalboutt war da, der das Lager Friedland nach seiner Flucht aus Syrien selbst durchlaufen hat und heute als Student in Göttingen für die studentische Hilfsorganisation "Conquer Babel" tätig ist.

Gemeinsam mit Joachim Baur hatten sie viele Fragen zu beantworten. Warum steht eine riesige katholische Kirche auf dem Gelände? Und warum gibt es keinen Gebetsraum für Angehörige anderer Religionen? Warum behält Friedland die Bezeichnung "Lager" bei, obwohl der Begriff so negativ besetzt ist? Es wurden viele Argumente vorgebracht, die gegen den Gebrauch des Wortes sprechen, dafür spricht jedoch, dass „Lager“ einen Ort bezeichnet, an dem sich Menschen nicht freiwillig aufhalten. Zur Frage, wie die Integration der Geflüchteten in Deutschland verläuft, führte Thomas Heek von der Caritas das schwedische Modell an, das als Beispiel dienen könne. Dort habe sich die Regierung vor etlichen Jahren das Ziel gesetzt, den Zeitraum von der Ankunft der Geflüchteten bis zu ihrer Integration in den Arbeitsmarkt von 5-7 Jahren auf drei Jahre zu verkürzen und ein entsprechendes Programm initiiert.

Es entwickelte sich eine lebhafte und spannende Diskussion, die noch viel länger hätte dauern können. Bestimmt haben die Studierenden auf dem Rückweg nach Göttingen die Gespräche im Zug fortgesetzt.

Di, 09.01.2018
24 Flugstunden bis Friedland

Besuch vom anderen Ende der Welt

18.547,55 Kilometer Luftlinie sind es von Dunedin, Neuseeland, bis nach Friedland, Niedersachsen. Einmal um die halbe Welt. Diese Strecke haben Ruth und Fiona Nelson zurückgelegt. Sie sind „Kiwis“, wie sich Neuseeländer*innen scherzhaft selbst bezeichnen. Beide kommen aus einer Stadt, die im Süden der neuseeländischen Südinsel liegt, quasi kurz vor den Eisbergen der Antarktis. Von weiter weg kann man wohl kaum zu uns kommen. Eine Station ihrer Europareise ist das Museum Friedland.

Mit großem Interesse und viel Zeit haben sie sich die Ausstellung angeschaut. Besonders spannend fanden sie die Multimedia-Installationen, allen voran das Intro über den Zweiten Weltkrieg, der Hauptursache für Flucht und Migration im 20. Jahrhundert. Auch neuseeländische Truppen waren beteiligt. Sie kämpften an der Seite der Briten, keine andere der alliierten Kriegsparteien hatte im Verhältnis zur Bevölkerungszahl so viele Tote zu beklagen wie Neuseeland.

In dem Raum, der dem Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes gewidmet ist, haben die Kataloge mit den schier unzähligen Fotos vermisster Soldaten die beiden Neuseeländerinnen stark beeindruckt. „Getting all this together is just mind boggling“, staunt Ruth Nelson. “All diese Bilder zusammenzustellen, ist einfach überwältigend”. Besonders spannend finden die beiden Frauen auch, wie unterschiedlich die Menschen hier aufgenommen werden, die in den letzten 70 Jahren nach Deutschland gekommen sind. Während man sich in Deutschland lange Zeit schwer getan hat, sich als Einwanderungsland zu verstehen, könnte Neuseeland ohne Einwanderung kaum funktionieren – es ist geographisch sehr stark isoliert. Ein Viertel der neuseeländischen Bevölkerung ist nicht im Land geboren. „Bei uns kommt es vor allem darauf an, dass man den Kiwi-Akzent einigermaßen draufhat; wo man geboren ist, spielt keine Rolle“, sagt Ruth. Sie arbeitet als Krankenschwester am Dunedin Hospital in einem sehr internationalen Team. Ihre Kolleg*innen kommen aus Indien, China, Samoa und England. Das Vereinigte Königreich ist dann auch die nächste Station für die beiden. Wir haben uns sehr über euren Besuche gefreut! Kia ora, Ruth und Fiona!

Eva Völker

Di, 02.01.2018
Guide Klaus Magnus mit nachdenklichen Teilnehmer*innen

Bundeswehr zu Besuch

Im Rahmen einer mehrtägigen Reise zum Zweck der politischen Bildung nahmen 20 Mitarbeiter*innen des Zentrums Operative Kommunikation der Bundeswehr an einer Führung durch die Dauerausstellung teil. „Beim Gang durch das Museum wird einem bewusst, wie sich viele Situationen im Lauf der Jahrzehnte wiederholen“, beobachtet Major Matthias Urbanski. Er war bereits vor zwei Jahren mit einer anderen Gruppe der Bundeswehr im Grenzdurchgangslager, um sich über die Arbeit vor Ort zu informieren. Das war, bevor das Museum eröffnet wurde.

Unter den Teilnehmer*innen sind auch zwei Personen, die im Herbst 2015 in Passau im Einsatz waren, als nach der Grenzöffnung Tausende Flüchtlinge über Österreich nach Deutschland kamen. Sie hätten Bilder im Kopf, die Nachkriegsfotos in der Ausstellung sehr ähnlich seien. Auch die Zahlen seien interessant, die den Besucher*innen in der Ausstellung vor Augen geführt werden: Nach dem Krieg kamen innerhalb von nur drei Monaten mehr als 550.000 Menschen in Friedland an. Während früher viele von ihnen aus den ehemals deutschen Ostgebieten kamen, sind sie heute aus Irak, Iran und Afghanistan. Im afghanischen Masar-e Sharif war Matthias Urbanski selbst im Einsatz. Dort war er für die Kommunikation zuständig: Über den Soldatensender „Radio Andernach“ stellte er zum Beispiel Kontakt her zwischen Soldat*innen und Angehörigen in Deutschland. Die dort stationierten Soldat*innen leisteten aber auch Unterstützung beim Aufbau einer eigenen Fernseh- und Radiostation.

„Es macht mich nachdenklich“, sagt Urbanski, „wenn ich auf dem Weg vom Bus über das Gelände des Grenzdurchgangslager Menschen begegne, die aus Afghanistan geflohen sind.“ Er denke darüber nach, welche Entfernungen sie bewältigt hätten. Darüber, was sie unterwegs durchgemacht hätten, und über ihre Beweggründe, die Heimat zu verlassen und tausende Kilometer zurückzulegen. Was das im Einzelnen war, hat auch er in seiner Zeit in Masar-e Sharif selbst miterlebt: Gewalt, Armut, das Fehlen jeglicher Strukturen für Bildung und Zukunft.

Ein Leben in Frieden, mit Chancen auf Bildung und eine Zukunft – darauf hoffen die Menschen, die seit mehr als 70 Jahren im Lager Friedland ankommen.

Eva Völker