Mi, 12.07.2017
Professor Peter Gatrell und Guide Klaus Magnus

"Friedland ist ein guter Ort zum Nachdenken"

Interview mit Prof. Peter Gatrell, Universität Manchester

Neulich war Professor Peter Gatrell von der Universität Manchester zu Besuch. Der Historiker ist Autor von „The Making of the Modern Refugee“, so etwas wie einem Standardwerk der Migrationsforschung. Seine Recherchen für sein neues Buch haben ihn zu uns geführt. Klaus Magnus zeigte ihm die Ausstellung und das Lagergelände, anschließend gab er uns ein kleines Interview.

Eva Völker: Was denken Sie über das Museum Friedland? Wie hat es auf Sie gewirkt?

Peter Gatrell: Das Museum ist sehr beeindruckend, eigentlich beeindruckender als erwartet, nachdem ich mir die Website angeschaut hatte. Ich wusste also im Vorhinein von der Ausstellung im historischen Bahnhof. Aber jetzt vor Ort alles im Zusammenhang zu sehen - die Dauerausstellung, die Pläne für die Erweiterung, das Lager selbst - all das hat einen sehr starken Eindruck auf mich gemacht. Es ist ein einzigartiges Projekt: Zwar gibt es Museen der Migration in anderen Teilen der Welt, aber ich glaube nicht, dass es eines gibt, wo Vergangenheit und Gegenwart auf eine so spannende Weise im Dialog miteinander stehen wie hier. Ich hatte wohl interessante Fotografien und Objekte erwartet. Die werden ja auch gezeigt. Aber ich denke, was das Museum so bemerkenswert macht, ist die Kombination der Fotos, der Interviews und dessen, was sich heute vor Ort abspielt.

EV: Beim Rundgang über das Gelände sagten Sie, es gebe nicht besonders viele Objekte in der Ausstellung…

PG: Die Handvoll Objekte zusammen mit Fotografien zu zeigen, manchmal das Foto der Person, der das Objekt ursprünglich gehörte, hat eine starke Wirkung. Es gibt Museen wie das ‚Imperial War Museum‘ in Manchester, das vollgestopft ist mit Objekten. Doch ihre schiere Anzahl ist so überwältigend, dass man gar nicht stehenbleiben und sich auf ein einzelnes Objekt einlassen kann, weil es so vieles gibt, was davon ablenkt. Andererseits hier die Puppe zu sehen, die dem kleinen Mädchen geschenkt wurde oder das Suchschild (mit dem Namen des vermissten Soldaten), versehen mit einem klugen Text und weiteren Fotos, macht es für die Besucherinnen und Besucher viel interessanter. Ganz egal, ob man etwas über Migration weltweit oder in Nachkriegsdeutschland weiß oder nicht, die Ausstellung schafft eine Gelegenheit, intensiver über die Themen nachzudenken als das möglich wäre, wenn man die Leute mit Hunderten von Objekten bombardieren würde.

EV: Was waren Ihre Gedanken und Gefühle, als Sie durch das Lager gegangen sind?

PG: Klaus Magnus hat mich über das Gelände des Grenzdurchgangslagers geführt und dabei dessen Geschichte erläutert. Wir gingen also durch das Lager, das die Geschichte dieses Teiles von Deutschland seit 1945 widerspiegelt. Der physische Ort hat also eine starke Botschaft für die Besucherinnen und Besucher. Man merkt aber auch schnell, dass es sich nicht nur um eine archäologische Stätte handelt, es ist vielmehr ein Ort, wo Menschen wohnen. Und die Menschen, die hier leben, sind die Einwohnerinnen und Einwohner Friedlands am Rande des Lagers. Aber im Lager selbst leben auch Menschen aus Fleisch und Blut. Manche spielen, manche telefonieren gerade mit ihrem Handy, manche sitzen einfach nur ruhig da. Und man erkennt, es gibt eine Geschichte des Asyls und eine Geschichte der Flüchtlinge des 20. Jahrhunderts, und ein Teil davon wird repräsentiert an genau diesem Ort, an dem wir uns gerade befinden. Und, was auch interessant ist, es gibt Leben, die hier zurzeit gelebt werden. Von Menschen, die, so hoffe ich, eine gute Zukunft haben, aber auch eine Vergangenheit. Und fast alles, was über Flüchtlinge geschrieben wird, wird geschrieben über die einzige Sache, für die wir uns interessieren sollten, nämlich dass sie Flüchtlinge sind. Natürlich ist das interessant. Allerdings nimmt das Wort „Flüchtling“ der Person alles, was sie sonst noch so ausmacht – ihr Leben, ihre Biografie, ihren Beruf. Doch die so bezeichneten Menschen sind in Wirklichkeit sehr verschieden, sie sind unterschiedlich alt, haben verschiedene Geschlechter und Hintergründe. Aber das Wort „Flüchtling“ besagt, das alles spielt keine Rolle. Es geht allein um den Status, ob sie den Status als „Flüchtling“ bekommen, dass sie als „Flüchtlinge“ hier sind. Und genau das, finde ich, ist schrecklich, dass das 20. und 21. Jahrhundert den Menschen das antut.

EV: Wird dieses Problem in der Ausstellung herausgearbeitet?

PG: Ja, absolut. Denn es geht darin um Menschen, die sozusagen in der Zeit gefangen sind und auch oft in einem Lager gefangen sind. Und auch sie haben eine Biografie oder so etwas wie ihre eigene Geschichte vor 1945 oder 1950 oder 1955. Aber es gibt auch das Leben, das sie danach gelebt haben. Und hier sind die Zeitzeugen-Interviews wichtig, denn sie zeigen, dass Menschen überleben. Und dann gibt es natürlich auch einige tragische Geschichten. Doch nicht alle Zeitzeuginnen sehen sich selbst als Opfer. Für einige war Friedland eine Chance, ein Neuanfang.

EV. Worum geht es in Ihrem aktuellen Buchprojekt?

PG: Mein Verlag hat mich gebeten, eine Geschichte der Einwanderer zu schreiben, vor allem der Menschen, die nach Großbritannien gekommen sind. Doch ich sagte, Großbritannien ist nur ein kleiner Teil Europas – zumindest zurzeit noch -, und daher möchte ich lieber über die Geschichte Europas seit 1945 schreiben unter dem Blickwinkel der Migration, um zu verstehen, was gerade in Europa und mit den Europäern passiert. Es ist also der Versuch, auf einer sehr breiten Leinwand die Umwälzungen darzustellen, die es in Europa seit 1945 gab. Da sind natürlich die Kriege, nicht nur die Folgen des Zweiten Weltkriegs, sondern auch z. B. der Jugoslawien-Krieg. Aber es geht darüber hinaus keinesfalls allein um Zwangsmigration, sondern auch um die ganz alltägliche Migration infolge wirtschaftlicher Veränderungen. Dabei spielt nicht nur die Geschichte Westeuropas eine Rolle, sondern ganz sicher auch die Osteuropas. Es geht also um die Frage, was Migration mit Europa macht, was Europa mit Migranten macht und darum, sich den Umgang der Politik damit und die entsprechenden Gesetzesänderungen vor Augen zu führen.

EV: Welchen Beitrag kann Friedland zu Ihren Recherchen beisteuern?

PG: In dem Kapitel über Migrationserinnerung möchte ich über das Erbe der Migration schreiben - nicht nur über die materiellen Gegenstände, die die Menschen mit sich führen, sondern auch darüber, wie Staaten und Regierungen und Kommunalverwaltungen darüber entscheiden, ob es wichtig ist, die Geschichte der Migration festzuhalten oder nicht. Und ich denke, Friedland ist besonders interessant, weil es zur Zeit ein außergewöhnliches Beispiel dafür liefert, was örtliche Behörden und das Land erreichen können in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen, Kuratoren und anderen Museumsmitarbeiterinnen. Ich möchte also über Erinnerungen der Migration schreiben. Es kann sehr gut sein, dass ich wiederkomme, einfach um mich hinzusetzen und nachzudenken. Ich finde, Friedland ist ein guter Ort zum Nachdenken.

Mi, 19.07.2017 Mo, 10.07.2017