Do, 19.10.2017
"Sie kam aus Mariupol" von Natascha Wodin

Berührende Geschichte einer Spurensuche

Natascha Wodin kann selbst kaum glauben, was sie bei der Suche nach den Spuren ihrer früh verstorbenen Mutter herausgefunden hat. „Ich habe das noch gar nicht alles begriffen“, sagt die 71-Jährige, der das Staunen ins Gesicht geschrieben steht. Was sie zuvor über ihre Mutter gewusst hatte, war herzlich wenig: Dass sie als junge Frau im Zweiten Weltkrieg aus dem ukrainischen Mariupol als Zwangsarbeiterin von den Nazis nach Deutschland deportiert worden war. Und dass sie 1956 in einer fränkischen Kleinstadt Selbstmord begangen hatte. Da war Natascha Wodin gerade mal 10 Jahre alt.

Im Laufe ihres Lebens hatte die Schriftstellerin immer wieder versucht, eine Spur von ihrer Mutter zu finden, doch wieder und wieder ohne Erfolg. Eigentlich hatte sie es schon aufgegeben, als sie vor vier Jahren durch Zufall bei einer russischen Internet-Suchmaschine fündig wurde. So beginnt Natascha Wodins Buch „Sie kam aus Mariupol“ und so beginnt auch die Lesung, die der Göttinger Literaturherbst in Kooperation mit dem Museum Friedland gestern Abend veranstaltet hat. Natascha Wodin liest mit leiser, intimer Stimme, sie spricht mehr zu sich selbst als zu den knapp 300 Menschen im Saal. Die hören gebannt zu, es herrscht eine konzentrierte Stille.

Ihre Mutter sei für sie „nur noch ein Schemen, mehr ein Gefühl“ gewesen als eine Erinnerung. Wenn sie an ihre Mutter denkt, blickt sie in deren Augen und sieht ein "bodenloses Entsetzen". Ihre Mutter wurde in den russischen Bürgerkrieg hineingeboren, erlebte die Gewalt der Diktaturen von Stalin und Hitler. Diese Gewalt sei nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs für viele Zwangsarbeiter*innen aus der Sowjetunion, die wie Wodins Mutter in Deutschland blieben, aber keinesfalls vorbei gewesen, merkt der Kurator des Museums Friedland Dr. Joachim Baur an, der die Lesung moderiert. Er erinnert daran, dass die rassistische Propaganda der Nazis gegen „die Russen“ noch lange nach Kriegsende im Bewusstsein der Öffentlichkeit nachgewirkt habe. Natascha Wodin erzählt, wie sie als Kind beschimpft, verprügelt, angefeindet wurde.

Insgesamt habe das Leiden der ehemaligen Zwangsarbeiter*innen in Deutschland bislang von offizieller Seite wenig Beachtung gefunden, sagt Natascha Wodin. Das könnte sich durch ihr berührendes, vielfach preisgekröntes Buch ändern. Durch dieses Buch habe sich ihr eigenes Leben sehr stark gewandelt, sagt die Schriftstellerin: Sie ist ständig auf Lesereisen, gibt Interviews, viele Menschen schreiben ihr. Auch das scheint die 71-Jährige noch gar nicht richtig glauben zu können.

Eva Völker

Sie kam aus Mariupol, Natascha Wodin, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Verlag, 3/2017, 357 S., € 19,95, ISBN 978 3 498 07389 3

Mo, 20.11.2017 Mo, 02.10.2017