Mo, 20.11.2017
Schüler*innen im Gespräch mit Pastor Thomas Harms

Neues Format für Schulklassen

Schulklassen und Oberstufenkurse gehören für uns im Museum Friedland mittlerweile zum Alltag. Und doch gab es beim Besuch von Schüler*innen der Käthe-Kollwitz-Schule aus Hannover neulich eine kleine Premiere. Die Jungen und Mädchen der zehnten Klasse waren die ersten, die nicht die Dauerausstellung erkundeten, sondern in kleineren Gruppen Interviews mit einigen Akteuren im Grenzdurchgangslager führen konnten – z. B. mit Pastor Harms von der Inneren Diakonie.

Fünf Schüler*innen trafen sich mit ihm in der kleinen Holzkapelle mitten im Lager – einem Raum der Begegnung für alle Bewohner*innen des Grenzdurchgangslagers, so Pastor Harms, ganz gleich welcher Religion sie angehören, ob sie Spätaussiedler*innen aus ehemaligen Staaten der Sowjetunion sind, Asylbewerber*innen aus Afghanistan, die nach Deutschland geflohen sind oder Kontingentflüchtlinge aus Syrien.

Eine andere Schülerin wollte von Pastor Harms wissen, welche Schicksale ihn in seiner täglichen Arbeit besonders berührt hätten. Thomas Harms musste nicht lange nachdenken und berichtete von einer jungen Frau aus dem Krisenherd Südsudan, wo sie vergewaltigt worden war und nach Deutschland floh. Sie stellte einen Asylantrag, verschwieg der Behörde allerdings die Vergewaltigung - aus Scham gegenüber dem Sachbearbeiter. Der Asylantrag wurde abgelehnt mit der Begründung, sie sei persönlich keiner Gefahr ausgesetzt gewesen.

In ihrer Verzweiflung vertraute sich die junge Frau dann Pastor Harms an, der ein zweites Gespräch beim Amt erwirkte, indem sie von den Übergriffen in ihrem Herkunftsland berichtete. Daraufhin wurde ihr Asylantrag angenommen.

Michelle-Seline wiederum erzählte, dass ihre Eltern vor ihrer Geburt als Spätaussiedler aus Russland nach Deutschland gekommen seien, ihre Mutter sei damals in Friedland angekommen. Wie viele andere Deutschstämmige hatten ihre Eltern in Russland verheimlichen müssen, dass sie Weihnachten nach christlicher Tradition feierten. Pastor Harms erläuterte, dass viele Russlanddeutsche zu Beginn des Zweiten Weltkriegs nach Sibirien deportiert wurden, weil Stalin befürchtete, sie könnten sich mit Hitler gegen ihn verbünden. Darüber hatten die Schüler*innen im Geschichtsunterricht zuvor nichts gehört.

Entsprechend positiv war das Fazit der Schüler*innen: „Ich freue mich, dass ich hier über meine persönliche Geschichte sprechen konnte und dabei Neues erfahren habe, zum Beispiel über die Zwangsumsiedlungen nach Sibirien“, sagt Michelle-Seline. Auch die Geschichte über die Scham der Südsudanesin hatte alle berührt. Die Schüler*innen hatten sichtlich Spaß daran, auf eigene Faust Gespräche mit den Menschen zu führen, die im Lager arbeiten. Auch bei den Lehrer*innen kam das auf Selbsterkundung setzende Workshop-Format sehr gut an. Und dem Museumsteam hat die Arbeit mit den aufgeweckten Schüler*innen viel Spaß gemacht.

Eva Völker

Mo, 27.11.2017 Do, 19.10.2017