Mi, 20.09.2017
Friedländer Gespräche V

Moving. Von den Gefühlen der Migration

Der erste Tag der Friedländer Gespräche vergangene Woche stand unter dem Eindruck politischer Debatten und ging u.a. den verschiedenen Perspektiven von Kultur, Wissenschaft und Politik auf das Thema Migration nach. Yvonne Albrecht von der Universität Kassel begann zunächst mit der Beobachtung, dass Emotionen von Zuwander*innen zumeist im Rahmen von Traumata und anderen psychischen Belastungserscheinungen untersucht würden. Nach ihrer These müssten Zuwander*innen nicht ausschließlich als Subjekte, sondern als ihre Umwelt aktiv gestaltende und ihre eigene Gefühlswelt modellierende Akteure zu begriffen werden.

Nach einem Rundgang über das Gelände des Grenzdurchganglagers Friedland nahm sich der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius in seinem Impulsvortrag dann den Begriff „postfaktisch“ vor und erläuterte, auch vor persönlichem Hintergrund, seine Perspektive der Ereignisse des Jahres 2015. Sehr pointiert trennte er zwischen unterschiedlicher Interpretation von Zahlen und Ereignissen – und einer „gefühlten Wahrheit“, welche nicht als Entscheidungsgrundlage dienen dürfe.

In der sich anschließenden Podiumsdiskussion hob Prof. Dr. Jochen Oltmer von der Universität Osnabrück hervor, dass sich die Diskussionen über den „langen Sommer der Migration“ 2015 zumeist auf die Kanzlerin und ihre Entscheidungen fokussiert hätten, dabei aber die Frage, warum es überhaupt zu solch konzentrierten Wanderungsbewegungen gekommen wäre und welche Prozesse dahinterstehen, in den Hintergrund getreten seien. Die Wissenschaft hätte darüber hinaus bislang keine Erklärung anzubieten, warum es 2015 zu einem extremen Gefühl der Nähe in der deutschen Gesellschaft in Bezug auf die Flüchtlinge gekommen sei, während dies zu anderen Zeiten ausgeblieben wäre.

Weitere Beiträge am zweiten Tag boten sowohl ganz persönliche Perspektiven auf das Thema Flucht und Ankommen, als auch den analytischen und theoretischen Blick auf gegenwärtige und historische Prozesse. Eine Besonderheit stellte sicherlich der Erfahrungsbericht der Flucht übers Mittelmeer von Monzer Alzakrit dar und das Projekt „Let’s make it“, welches Samah Al Jundi-Pfaff mit Neuankömmlingen im Grenzdurchgangslager Friedland durchführt: Spannende und berührende Reflexionen von selbst Erlebtem auf der einen, die Suche nach Ausdrucksformen von Gefühlen im Grenzdurchgangslager auf der anderen Seite.

Soňa Mikulová brachte in ihrem Beitrag unter anderem Barbara Rosenweins Begriff der „Emotionalen Gemeinschaften“ in die Diskussion, welche sie im Zusammenhang der Akkulturationsprozesse deutscher Vertriebener nach dem Zweiten Weltkrieg anwendet und vertrat damit eine These, die auch über die besprochene Untersuchungsgruppe hinweg vielfach Anwendungen finden kann. Die Panel „Wut, Angst und Ignoranz“ und „Empathie und Zugehörigkeit“ zeigten vielfältige Inhalte und Forschungssamples, die u.a. von Verlustängsten im Angesicht von sogenannten Flüchtlingskrisen berichteten, die alltägliche Diskriminierung in Schule und Alltag untersuchten und Verletzungen religiöser Gefühle im öffentlichen Diskurs nachzeichneten.

Robert Feustel wusste in seinem Beitrag „Im Zweifel für den Zweifel“ durch pointierten Ausdruck und Inhalt einen Punkt zu setzen, der für rege Diskussion sorgte und die Kommunikation rechter Postulate in Medien und Öffentlichkeit in ihren Grundzügen offenlegte. Zum Abschluss der Tagung widmete sich Maruška Svašek den Perspektiven des Forschungsbereiches „Migration und Emotion“ und fand zahlreiche Anknüpfungspunkte zu zuvor thematisierten Aspekten wie z.B. social beings in affective environment, bordering oder mediated emotions.

Die Tagung schaffte insgesamt eine gelungene Mischung aus theoretischen und praktischen Bezügen zum Thema Gefühle und Migration. Dies ist insofern bemerkenswert, da im wissenschaftlich-musealen Diskurs dieser Ansatz zwar grundlegend ist, jedoch gerade in dem hier debattierten Zusammenhang eine Herausforderung darstellt.

Steffen Wiegmann

Mo, 02.10.2017 Do, 07.09.2017