So, 02.10.2016
Friedland als erster Schritt in ein neues Leben

Moment-
aufnahmen aus einer anderen Welt

Ihre Fotos zeigen, dass es ein regnerischer und ungemütlicher Herbsttag in Friedland war. Doch das hat die Teilnehmer*innen unseres zweiten Fotoworkshops am vergangenen Wochenende kaum gestört. Unter dem Motto „So sehe ich das!“ haben erneut insgesamt sieben Bewohner des Grenzdurchgangslagers ihre persönliche Sicht auf das Lager und somit ihre ersten Tage in der Bundesrepublik fotografisch dokumentiert.  Diesmal richtete sich der Workshop an Spätaussiedler*innen aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion.

„Es war schon immer mein Traum, nach Deutschland zu kommen. Ich fühle mich als Deutscher“ berichtet Vitaly, der erst vor fünf Tagen aus Kasachstan in Friedland angekommen ist. Gemeinsam mit seiner Frau Victoria. Die erzählt lachend, dass sie noch nichts davon geahnt habe, als sie sich kennenlernten. Doch die Begeisterung für das Land seiner Vorfahren war ansteckend: Im April hat das junge Paar geheiratet, nun sind sie in Deutschland angekommen. Und können ihr Glück noch gar nicht so recht fassen: „Wir haben uns schon vor unserer Abreise viele Fotos von Friedland im Internet angeschaut, aber plötzlich selbst hier zu stehen, das ist ein völlig anderes Gefühl!“

Eines, das sie unbedingt fotografisch festhalten wollten. Inspiriert dazu wurden sie auch von einer der zahlreichen bunten Postkarten, die im Eingangsbereich des Museums zum Mitnehmen ausliegen. Auf ihnen sind Zitate von Menschen abgedruckt, die über die Jahrzehnte hier in Friedland angekommen sind und das Lager dabei ganz unterschiedlich wahrgenommen haben. Für Vitali und Victoria ist Friedland nicht nur „der erste Schritt in ein neues Leben“, wie es eine der Postkarten symbolisch formuliert. Es ist auch eine völlig andere Welt, die ihnen aber überraschend wenig als abgegrenzter Raum mit bürokratischen Zwängen erscheint.

Noch wissen die beiden nicht, wo sie anschließend leben werden. Sie versuchen einfach, den Moment beim Billard im Jugendclub des Lagers oder auf täglichen Spaziergängen durch den Ort zu genießen. Und immer wieder bleiben sie gebannt vor der großen Deutschlandkarte in ihrer Unterkunft stehen: Eine der vielen deutschen Städte, deren Namen sie nach und nach auswendig lernen, könnte bald ihr neues Zuhause sein.

Angela Steinhardt

 

 

 

Do, 13.10.2016 Di, 27.09.2016