Fr, 04.11.2016
Zeitzeuge János Mikulás

Vor 60 Jahren kamen ungarische Flüchtlinge nach Friedland

Am 4. November jährt sich die blutige Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstandes durch die Sowjetarmee zum 60. Mal. In der Folge flohen rund 200.000 Ungarn ins westliche Ausland. Einer von ihnen ist János Mikulás, der Mitte November 1956 nach Friedland kam.

Mikulás war damals gerade 18 Jahre alt, als russische Panzer in seiner Heimatstadt Budapest einrückten. Er hatte davon Wind bekommen, dass sein älterer Bruder zusammen mit ein paar Freunden plante, sich in den Westen abzusetzen – ohne das Wissen der Eltern. János Mikulás wollte auch unbedingt mit, doch sein Bruder weigerte sich zunächst. Erst als János sagte, sonst würde er den Eltern von den Fluchtplänen erzählen, willigte der große Bruder dann doch ein und er durfte mit.

Die jungen Männer machten sich zu Fuß auf von Budapest in Richtung Österreich - nicht aus politischen Gründen, eher aus Abenteuerlust, und weil sie so viel Gutes über den Westen gehört hatten, wie der 78-Jährige heute erzählt. Tagsüber legten sie weite Strecken zurück, insgesamt hatten sie 250 Kilometer Fußmarsch vor sich. Nach Einbruch der Dunkelheit suchten sie sich ein Quartier zum Übernachten. Pferdeställe waren ein beliebter Unterschlupf. Denn nachts gab es Polizeikontrollen, häufiger waren auch Schüsse zu hören. Sie wurden tagsüber mehrmals kontrolliert, erzählten dann aber immer, sie seien unterwegs zu ihrer Tante auf dem Land. Die Versorgungslage in Budapest sei ja so schlecht, dort gebe es nichts mehr zu essen.

So schafften es die jungen Männer tatsächlich bis zur österreichischen Grenze. Sie überquerten den Fluss Raab in einem Boot. Den Schleppern gaben sie ihre letzten Forint – leichten Herzens, wie János Mikulás sagt. Mit der ungarischen Währung konnten sie im Westen ohnehin nichts anfangen. Schließlich gelangten sie mit Bus und Bahn ins Grenzdurchgangslager Friedland, wo Mikulás registriert wurde. Da er nur eine Nacht blieb, hat er heute keine großen Erinnerungen mehr an Friedland. Nur die Glocke ist ihm noch im Gedächtnis.

Zehn Jahre konnte Mikulás nicht in seine Heimat zurückkehren. Doch das Einleben in Deutschland sei ihm leicht gefallen. Als talentierter Fußballer fand er sehr schnell Anschluss. Bei den Deutschen Fußball-Amateurmeisterschaften 1965 erzielte er im Endspiel gegen Hannover 96 für den SV Wiesbaden ein Tor.

Ursprünglich hatte der 18-Jährige nur ein paar Jahre in Deutschland bleiben wollen, um dann wieder nach Ungarn zurückzukehren. Doch aus den wenigen Jahren sind inzwischen exakt 60 geworden. - János Mikulás hat seine Geschichte mit dem Museumsteam geteilt. Besucher*innen können einen Ausschnitt aus seinem Fluchtbericht in der Ausstellung anhören.

Eva Völker

 

Mi, 09.11.2016 Di, 25.10.2016