Fr, 25.11.2016
Volles Haus

Die Heimat meiner Eltern

Es war voll gestern Abend im Foyer des Museums Friedland. Unser erster Themenabend war komplett ausverkauft. Mehr als 40 Personen waren der Einladung gefolgt, die wir gemeinsam mit unserem Partner, dem Deutschen Kulturforum Östliches Europa, ausgesprochen hatten. Gemeinsam mit der Autorin Roswitha Schieb und dem Schriftsteller Senthuran Varatharajah betrieb die Moderatorin Ulrike Sárkány, Kulturredakteurin beim NDR, eine „Archäologie des Gefühls“ in Anspielung auf einen Buchtitel von Roswitha Schieb.

Varatharjah und Schieb stammen beide aus Familien, die in Deutschland Zuflucht gesucht haben: Die Eltern der einen wurden am Ende des Zweiten Weltkriegs aus Schlesien vertrieben, die Familie des anderen floh in den 80er Jahren Zuflucht aus Sri Lanka, um dem Bürgerkrieg zu entkommen. Beide verarbeiteten die Frage, welche Auswirkungen die Heimat der Eltern auf ihr eigenes Selbstverständnis hat, in literarischer Form.

Roswitha Schieb präsentierte eine Szene, in der sie die Angst schildert, die sie als Kind vor Wind und Sturm hatte. Eine Angst, die, so vermutet die heute 54-Jährige, ihre Mutter an sie weitergab, weil jeder Sturm sie auch noch Jahrzehnte später an schlimme Erlebnisse auf der Flucht aus Schlesien erinnerte – wie etwa die drohende Deportation nach Sibirien, die nur in letzter Sekunde verhindert wurde. Darüber wurde in der Familie nie offen gesprochen und dennoch gaben ihre Eltern traumatische Erfahrungen so an ihre Tochter weiter.

Auch die Eltern von Senthuran Varatharajah sprachen mit ihren Kindern nicht darüber, was sie während des Bürgerkriegs in ihrer Heimat Sri Lanka erlebt hatten. Nur in Momenten der Unachtsamkeit hätten sie manchmal Dinge preisgegeben, die sie eigentlich vor ihren Kindern hatten geheim halten wollen. Noch nach Jahren in Deutschland, so der 32-Jährige hatten seine Eltern Angst davor, dass die ganze Familie nach Sri Lanka deportiert werden könnte.

Die Eltern von Roswitha Schieb trauerten zeitlebens ihrer schlesischen Heimat nach. Roswitha Schieb spricht von einer „Leerstelle“, wenn sie nach ihrer Heimat gefragt wird. Ganz pragmatisch formuliert sie: „Ich habe keine Wurzeln, ich habe Füße“. Auch Varatharajah lobt die Ortlosigkeit und begreift die fehlende Bindung an so etwas wie eine Heimat als Freiheit. Er bewegt sich heute vor allem zwischen Berlin, Toronto und Tokio.

Das fehlende Heimatgefühl war nur eine von vielen Gemeinsamkeiten, die Roswitha Schieb und Senthuran Varatharajah im Lauf des Abends entdeckten. Sie sind darauf zurückzuführen, dass ihre Eltern gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen.

Eva Völker

Buchtipps:
Roswitha Schieb, „Zugezogen, Flucht und Vertreibung – Erinnerungen der Zweiten Generation“
Senthuran Varatharajah, „Vor der Zunahme der Zeichen“

Mi, 30.11.2016 Di, 22.11.2016