Mi, 07.12.2016
Gerhard Vogel präsentiert dem Museum einen Brief, den er heute vor 71 Jahren schrieb

Der Brief

„Liebste!! Heute Vormittag bin ich nun glücklich in Braunschweig gelandet. Ich will dir nur kurz mitteilen, wie ich die ganze Fahrt erlebt habe.“ Mit diesem Satz beginnt der Brief von Gerhard Vogel an seine damalige Freundin und spätere Frau in Gera. Ausführlich schildert er darin, wie er einer jungen Frau mit Kind half, ihren Handwagen über die Zonengrenze bis ins Grenzdurchgangslager Friedland zu ziehen. Ganz kurz erwähnt er, wie er verpflegt und untergebracht wurde und schildert etwas ausführlicher die Entlausung und das lange Warten auf den Zug am nächsten Tag. Gerhard Vogel war am 3.12.1945 von Gera Richtung Braunschweig aufgebrochen, erreichte am 5.12. das Grenzdurchgangslager Friedland und kam schließlich am 7.12. bei seinen Eltern in Braunschweig an. Der Brief ist auf den 7.12.45 datiert.

Gerhard Vogel ist heute 89 Jahre alt, was man ihm überhaupt nicht anmerkt. Menschen zu treffen, die als junge Erwachsene 1945 im „Friedlandlager“ waren – wie Gerhard Vogel das Grenzdurchgangslager in seinem Tagebuch nennt – ist selten. Obwohl seine Erinnerungen sehr klar sind, weiß er zu vielen Aspekten im Grenzdurchgangslager wenig zu sagen. „Ich weiß nicht, was man mit mir gemacht hat. Ich war irgendwie nur happy, dass ich jetzt aus der russischen Zone weg war, in der britischen Zone war, dass mir also da nichts mehr passieren konnte. Deswegen kann ich mich so an Einzelheiten nicht mehr so erinnern.“ Für Gerhard Vogel sind dagegen die für ihn herausragenden Ereignisse sehr präsent – wie die Frau und ihr Handwagen oder die Bedeutung des Grenzübertritts – anderes ist über die Zeit vergessen worden. Er erinnert auch, was er in dem Brief oder seinem Tagebuch notiert hat und zwar genau in den Formulierungen, die er dort häufiger nachliest.

Denn so funktioniert Erinnerung: Sie heftet sich an Einzelnes, Besonderes, Wichtiges und blendet anderes aus; das Einzelne wird in Erzählungen geprüft, stabilisiert und gefestigt, bis es zu einem Bild wird, das im Kopf bleibt; dieses Bild wird wiederholt und eingeübt, kann aber auch angepasst und verändert werden. Erzählungen über das Grenzdurchgangslager Friedland von 1945 sind deshalb vor allem ausgewählte, individuelle Fragmente einer breiten und vielschichtigen Wirklichkeit. Daher ist es so wichtig, dass sich immer wieder Menschen im MUSEUM FRIEDLAND melden, um ihre ganz persönliche Erinnerung, das was für sie im Grenzdurchgangslagers bedeutend war, zu teilen, damit schließlich ein Kaleidoskop der Erinnerungen entsteht.

Birga Meyer

Mi, 14.12.2016 Mi, 30.11.2016