Mi, 30.11.2016
Museum Friedland|
Zeugnis einer Fluchtgeschichte mit Happy End

Der Brustbeutel

Gut 70 Jahre ist es jetzt her, dass Christel Svenson, geborene Dohrmann, zusammen mit ihren beiden jüngeren Geschwistern, der Mutter und Großmutter nach Friedland kam. Fünf Jahre alt war sie damals. Ein Jahr und drei Monate waren sie auf der Flucht aus Pommern in Richtung Westen.

Ein Erinnerungsstück, das von der Odyssee von Stargard (bei Stettin) nach Südostniedersachsen zeugt, ist ein kleiner Brustbeutel aus hellbraunem Leder. Jedes der drei Kinder hatte ein Exemplar von Christel Svensons Mutter um den Hals bekommen, als sie sich im Februar 1945 endlich auf den Weg machten. “Meine Mutter war in großer Sorge, dass einer von uns unterwegs verloren gehen könnte.“ Auf der Rückseite des Brustbeutels hatte die Mutter den Namen, das Geburtsdatum und die Heimatadresse in das Leder hineingeschrieben. Im Inneren befand sich zusätzlich ein Zettel mit Adressen von Verwandten im Westen und genauen Anweisungen für den Fall, dass ein Kind von der Familie getrennt würde.

Wie berechtigt die Sorge der Mutter war, zeigte sich bei einer der wenigen Szenen der Flucht, an die sich Christel Svenson und ihre Schwester Gisela heute noch erinnern: Auf einer regennassen, verschlammten Straße wurde im Gedränge der Flüchtlinge eine andere Mutter von ihrem Kind getrennt. Beide schrien, aber der Abstand zwischen ihnen wurde immer größer, die Rufe der beiden nutzten wohl nichts.... Im Chaos hat die Mutter wahrscheinlich ihr Kind verloren, vermutet Christel Svenson.

Auch heute werden Kinder und Jugendliche auf der Flucht aus Syrien, Eritrea oder dem Irak von ihren Familien getrennt. Solche Nachrichten gehen Christel Svenson besonders nahe. Doch bei der heute 76-Jährigen und ihrer Familie ging glücklicherweise alles gut. Die drei Kinder, Mutter und Großmutter blieben zusammen und erreichten im Mai 1946 Friedland. Wenige Wochen später stieß auch Christel Svensons Vater, der nur kurz in amerikanischer Kriegsgefangenschaft gewesen war, wieder zu seiner Familie.

Vor einigen Jahren hat die pensionierte Lehrerin aus Göttingen ihre Fluchtgeschichte in Buchform aufgearbeitet und dem MUSEUM FRIEDLAND zur Verfügung gestellt, desgleichen das Original des Flüchtlingsmeldescheins der Großmutter sowie den Brustbeutel ihres inzwischen verstorbenen Bruders. Die letzten beiden Objekte sind jetzt in der Ausstellung „Fluchtpunkt Friedland“ zu sehen – zusammen mit vielen anderen, die von ganz individuellen Fluchtgeschichten aus den vergangenen 70 Jahren erzählen. Christel Svenson hat uns gemeinsam mit ihrer Schwester Gisela besucht, um ihr den Brustbeutel in der Ausstellung zu zeigen. Meine Kollegin, Angela Steinhardt, zuständig für Bildung und Vermittlung, hat die beiden geführt: Ein ganz besonderer Besuch für uns – zwei sehr interessierte Zeitzeuginnen aus den ganz frühen Jahren des Grenzdurchgangslagers.

Eva Völker

Mi, 07.12.2016 Fr, 25.11.2016